Kategorie-Archiv: Netzgespräche

Interview mit Natalie Stark

Natalie Stark swDu arbeitest als Social Media Managerin bei betterplace.org. Was ist das Besondere an eurer Organisation?

betterplace.org ist Deutschlands größte Online-Spendenplattform und verbindet Menschen, die helfen wollen, mit Menschen und Organisationen, die Hilfe brauchen. Wir sind selbst gemeinnützig und für Spender und Organisationen kostenlos. Jede Spende kommt zu 100 Prozent beim jeweiligen Projektträger an. Ohne Abzug von Verwaltungskosten oder Sonstiges. Eine weitere Besonderheit ist, dass man für konkrete Bedarfe der Projekte spenden kann. Die Projektverantwortlichen geben genau an, wofür die Spenden eingesetzt werden: den Bau eines Waisenhauses, 30 warme Mahlzeiten für Obdachlose o. Ä., und berichten regelmäßig über die Fortschritte. Und natürlich darf auch der ganz besondere Teamspirit nicht vergessen werden: Rund 40 hochmotivierte, kompetente, hilfsbereite Menschen, die zusammen die Welt ein kleines bisschen besser machen.

Welche Möglichkeiten haben wir mit digitalen Medien, die Welt zu verändern?

Die Zeiten waren nie besser, um mit digitalen Medien die Welt zu verändern, und die Menschen sind offen und bereit dafür. Laut einer Studie von Teléfonica waren bereits 2013 81 Prozent der jungen Deutschen sicher, dass sie mit digitalen Medien wie zum Beispiel Online-Petitionen oder Crowdfunding die Welt verändern können. Unsere Forschungsabteilung, das betterplace lab, ist überzeugt: Die Digitalisierung kann die Welt verbessern. Dafür forscht und experimentiert das betterplace lab an der Schnittstelle zwischen Innovation und Gemeinwohl. Das lab-Team verbreitet Wissen, inspiriert durch Geschichten und kämpft dafür, dass die Digitalisierung positiv genutzt wird. Auf betterplace-lab.org erfährt man, welche Innovationen es gerade im digital-sozialen Sektor gibt. Hier findet man spannende Cases, wie zum Beispiel den der Plattform M-Farm in Kenia. Dort können sich Bauern unter anderem im Internet oder per SMS über die aktuellen Preise für ihr Getreide und Gemüse informieren, womit sie eine bessere Position gegenüber den Zwischenhändlern erlangen. M-Farm sorgt dafür, dass auch Bauern mit wenig Geld und Land unabhängiger von Zwischenhändlern und Getreidebanken werden können.

Welches Projekt/Phänomen im Internet hat dich nachhaltig bewegt und beeindruckt?

Im vorletzten Jahr (2015) konnte man quasi dabei zuschauen, wie die Digitalisierung den sozialen Sektor mit voller Wucht gepackt hat. Eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft ging für die Erdbebenopfer in Nepal und für Hunderttausende Flüchtlinge durch das Netz. Ein beeindruckendes Beispiel bei uns auf betterplace.org war die Aktion »Blogger für Flüchtlinge – Menschen für Menschen« Ende August 2015. Hier haben drei Blogger eine Spendenaktion für Flüchtlingshilfe gestartet, und innerhalb von nur 14 Tagen sind unglaubliche 100 000 Euro zusammengekommen.

Wie können digitale Projekte ins ›analoge‹ Leben übertragen werden, und in welchen Bereichen macht dies Sinn?

Im sozialen Bereich macht dies total Sinn, und wir erleben hier auch ständig, wie digital und analog miteinander verschmelzen. Die meisten Projekte, die auf betterplace.org online Spenden sammeln, setzen diese ja dann offline und analog ein, sei es für einen Brunnenbau in Ruanda, für einen Mittagstisch für Bedürftige oder für die Begrünung eines Schulhofs. Auch wir selbst sind täglich online für das Gute tätig, aber haben auch ein- bis zweimal im Jahr den Frohen Freitag, an dem wir ganz analog bei einem Projekt in Berlin mit anpacken. So haben wir schon den Garten für eine Kindereinrichtung verschönert oder die Räume in einer Flüchtlingseinrichtung gestrichen.

Verstärken die sozialen Medien Hass oder Mitgefühl? Oder macht das Netz Hass oder Mitgefühl nur deutlicher spürbar?

Das sehe ich gemischt, zum einen werden Hass und Mitgefühl durch das Netz natürlich deutlich spürbarer, weil man sich nicht nur mit fünf Freunden abends in der Kneipe austauscht, sondern öffentlich im Netz. Dadurch haben die Aussagen direkt mehr Reichweite, und die Chance, auf Gleichgesinnte zu treffen, erhöht sich.

Ein Segen ist das Netz zum Beispiel bei größeren Katastrophen wie dem Erdbeben in Nepal 2015. Die Nachrichten haben sich hier in Sekundenschnelle verbreitet und eine Welle des Mitgefühls und der Unterstützung ausgelöst. Aber natürlich gibt es auch gegenteilige Wirkungen. Einige Menschen treffen im Netz viel schneller Aussagen, die sie in der Offline-Welt in dieser Art vermutlich nicht so leicht äußern würden. Im Netz hat man eben kein direktes Gegenüber, dem man in die Augen schauen kann, da gehen Hemmschwellen schon mal verloren, und ein Troll macht sich das Internet da zur Spielwiese. Es gibt aber auch Webseiten wie hatr.org, sie treten Hatern gegenüber, decken Lügengeschichten auf und zeigen auf, dass niemand gegen Hass im Netz machtlos ist.

Wie schätzt du die Macht der Algorithmen bei unserer Kommunikation ein?

Das ist ein sehr komplexes Thema. Ich denke, am stärksten werden wir in Google, Amazon und Facebook von den Algorithmen beeinflusst. Hier hinterlassen wir deutliche Spuren, mit denen wir die Algorithmus-Datenbanken kräftig füttern: in Google über unseren Aufenthaltsort, in Facebook darüber, mit wem wir befreundet sind und mit wem wir am meisten interagieren, und auf Amazon darüber, welche Kaufentscheidungen wir zuvor getroffen haben oder für welche Produkte wir uns interessiert haben.

Nehmen wir mal das Beispiel Facebook: Hier entscheide ich zwar selbst, welche Seiten ich like und mit wem ich befreundet sein will, aber welche Postings dann in meinem Newsfeed erscheinen, das entscheidet der Algorithmus. Im Grunde weiß doch kaum einer, nach welchen Standards die Algorithmen eigentlich arbeiten.

Ich achte immer mehr darauf, mich selbstbestimmt und nicht fremdgesteuert durch das Internet zu bewegen. So recherchiere ich Nachrichten häufig aus mehreren Quellen, um mir eine Meinung bilden zu können. Und ich habe den Google Adblocker installiert, das ist ein kostenloser Werbeblocker, der alle nervenden Werbeanzeigen, Malware- und Tracking-Angriffe blockiert.

Gibt es Momente, in denen du wegen des rauen Tons, der im Netz manchmal herrscht, ungern vernetzt bist?

Nein, eher weniger. Beruflich betreue ich den Facebook-, Twitter- und Instagram-Kanal von betterplace.org sowie von GivingTuesday. Wir haben auf dem Twitter-Kanal von betterplace.org über 85 000 Follower – klar, da kann mal jemand dabei sein, der sich im Ton vergreift, aber das ist glücklicherweise eher selten. Wir haben allerdings auch ein dankbares Thema – gegen Gutestun etwas zu sagen, fällt dann doch dem größten Nörgler eher schwer.

Siehst du Felder, auf denen uns das Netz empathischer macht? Gibt es Strategien, welche die Empathie im Netz fördern könnten?

Ich finde, seit Sommer 2015 wurde im Verlauf der Flüchtlingskrise ganz deutlich, dass die Empathie davon abhängt, wie stark wir persönlich von dem Ereignis betroffen sind, und ob es sich in unserer direkten Nähe abspielt. Als massenhaft Flüchtlinge an den deutschen Bahnhöfen ankamen, gab es eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft. Auf betterplace.org haben wir das nicht nur anhand des steigenden Spendenvolumens sehen können. Auch auf Facebook und Twitter wurden Postings rund um das Thema Willkommenskultur und Flüchtlingshilfe nahezu »gefeiert«. Und ein paar Monate später? Gleiche Situation, anderer Ort. Die Flüchtlinge kommen größtenteils in Griechenland und Italien an, und das deutsche Netz verstummt nahezu. Social-Media-Beiträge von Flüchtlingshilfen rauschen an den Menschen vorbei und rufen kaum noch Reaktionen hervor.

Ich denke, man könnte mehr Empathie im Netz fördern: durch konkrete Fragestellungen in Berichterstattungen oder in Social-Media-Beiträgen – ganz ähnlich, wie man es in der Streitschlichtung oder in der Kindererziehung macht. Durch Fragen wie »Wie würdest du dich fühlen wenn, …?« kann sich der Leser besser in die Situation hineinversetzen.

Info: Dieses Interview ist Teil einer Reihe von insgesamt 15 Interviews und wurde im Rahmen eines Buchprojektes geführt.

Interview mit Stefan Plöchinger

Plöchinger_Stefan

Du bist Digitalchef bei der Süddeutschen Zeitung, die bereits früh ihre Kommentarfunktion unter den Artikeln abgeschafft hat. Welche Begründung gab es für diese Entscheidung?

Die öffentliche Debatte zu moderieren ist ein Kern des journalistischen Jobs. Sie anzuheizen darf uns nicht passieren. Das war unser Kalkül bei SZ.de, als wir vor zweieinhalb Jahren beschlossen haben, die Diskussionen unter unseren Artikeln durch einige wenige, gut moderierte Foren zu ersetzen. Das war ein Schritt gegen die selbst ernannten Ketzer, die vorher dort versucht haben, die Debatten zu bestimmen, und die immer schwieriger in den Griff zu bekommen waren.

Die Diskussionskultur wird so auf Social Media verschoben. Ist das wirklich ein effektives Mittel, um Hass im Netz zu verringern?

Es ist ja nicht so, als würde bei uns nicht mehr diskutiert – http://www.sueddeutsche.de/thema/Ihr_Forum –, und ich bezweifle auch, dass wir die entscheidende Macht sind, um den Debatten auf Facebook und Twitter zu einem Boom zu verhelfen. Das schaffen Facebook und Twitter schon selbst. Die Leute sind da längst und kommentieren, und sie kommentieren dort mit allen bekannten Auswüchsen, die mir nicht gefallen. Mein Eindruck ist nicht, dass Facebook effektiv daran arbeitet, gegen Hass und Hetze anzukommen. Das allerdings ist ein Problem, das vor allem Facebook und die Nutzer dort aktiv angehen müssen.

Gab es nie die Überlegung, die Kommentarfunktion wieder zu aktivieren?

Sie ist nicht deaktiviert. Wir haben die Entscheidung, uns auf weniger Themen pro Tag zu konzentrieren, nie bereut. Es ist ehrlicher und im Wortsinn schlauer, gut moderierte Debatten zu pflegen, statt den neben vielen klugen Nutzern immer präsenten Hetzern hinterherzulaufen und so ja auch keine gute Diskussion für alle Beteiligten zu erzeugen.

Bei anderen Zeitungen ist diese Funktion noch uneingeschränkt aktiv. Kritisierst du das oder guckst du nicht in den Garten der anderen?

Wir sind ein freies Land, wieso sollte ich andere dafür kritisieren, dass sie anderes versuchen? Ich lese auf allen Nachrichtenseiten viel schlecht Moderiertes, das ich als Unsinn bezeichnen würde, teils auch Fehlerhaftes, öfter auch Agitatorisches – aber diese Nachrichtenseiten haben sich eben entschieden, auch derlei Wortmeldungen zu tolerieren, oder schaffen es von ihrer Ausstattung her nicht besser, die Sache in den Griff zu kriegen. Die Kollegen wissen sicher besser als ich, ob das bei ihren Lesern ähnlich gemischte Reaktionen wie bei mir persönlich auslöst, oder ob es doch zu viel Reichweite bringt.

Welche Möglichkeiten haben Medienhäuser, um die LeserInnen vor Hass und Wut zu schützen?

Viele: wegmoderieren, anschreiben, verbannen … Sie haben vor allem die Pflicht dazu. Ich fände es unverantwortlich, wenn sie Hetzer ungefiltert auf das Massenpublikum etablierter Medientitel losließen, was zum Glück nur noch bei wenigen großen regelmäßig passiert.

Verstärken die sozialen Medien Hass oder Mitgefühl? Oder macht das Netz Hass oder Mitgefühl nur deutlicher spürbar?

Soziale Medien belohnen und verstärken damit emotionale Äußerungen jeder Art. Das »Like« und seine neuen Emotionsbrüder auf Facebook sind genau das: Gefühlsäußerungen, die man noch dazu impulsiv mit einem Klick in die Welt rausjagen kann. Technisch gesehen, machen die sozialen Medien damit Gefühlsimpulse erstmals überhaupt digital spür- und messbar. Dadurch, dass Algorithmen diese Impulse auswerten und anhand der Impulse die Prominenz von Meldungen in Streams festlegen, bekommen die schnell geäußerten Emotionen bei jenen Menschen mehr Einfluss auf die Informations- und Meinungsbildung, die soziale Medien stark nutzen.

Wie schätzt du die Macht der Algorithmen bei unserer Kommunikation ein?

Sie ist enorm gewachsen. Facebook ist für viele Menschen eine Informationsplattform geworden, Google ein Eintrittstor ins Internet, durch das man die digitale Welt entdeckt, und beide sind komplett algorithmisch gesteuert. Auf beiden verbringen viele Menschen sehr viel Zeit, nach allem, was wir wissen, mehr Zeit als in den Apps oder auf den Homepages klassischer Medienmarken.

Gibt es Momente, in denen du wegen des rauen Tons, der im Netz manchmal herrscht, ungern vernetzt bist?

Nein. Journalisten neigen ja eh zum Zynismus, was nicht gut ist und womit ich persönlich umzugehen versuche, indem ich meinen Zynismus gezielt einsetze. Zum Beispiel, um mit Hass und Hetze im Netz umzugehen.

Siehst du Felder, auf denen uns das Netz empathischer macht? Gibt es Strategien, welche die Empathie im Netz fördern könnten?

Emotionalität im Netz richtet sich ja nicht in nur ins Negative. Facebook belohnt ja ausdrücklich zuallererst positive Gefühle, indem es den »Like« nach oben stellt – und gerade empathische Geschichten machen es sehr leicht, »Gefällt mir« zu drücken. Manche Medien haben die Empathie deshalb als journalistisches oder Geschäftsmodell entdeckt, Stichwort Upworthy. Mir ist das oft etwas zu verkopft und publizistisch-taktisch. Ich sehe es nicht als unseren Job, Empathie für irgendwas oder irgendwen zu fördern. Unser Maßstab ist das Weltgeschehen, wie mutmachend oder verzweifelnd es sich auch auszuformen vermag.

Info: Dieses Interview ist Teil einer Reihe von insgesamt 15 Interviews und wurde im Rahmen eines Buchprojektes geführt.

Interview mit Anne Wizorek

Anne WizorekDu bist Feministin und hast den Hashtag #Aufschrei ins Leben gerufen. Was hat sich seit der Aktion in unserer digitalen Gesellschaft verändert?

Ich glaube mehr, als die Leute auf den ersten Blick sehen. Es ist immer ein größerer Anspruch da, als eine Hashtag-Aktion im Einzelnen erledigen kann. Andererseits hat #Aufschrei erst einmal in Deutschland dazu geführt, dass viel mehr Leute verstanden haben, was Twitter für ein Medium ist, welches Potenzial es gerade auch für Aktivismus hat, und dass es darüber hinausgeht, Bilder von seinem Frühstück zu posten. Und es hat auch dazu geführt, dass seitdem Medien auch eher andere Hashtag-Aktionen aufgreifen. Aktionen wie #SchauHin zum Thema Alltagsrassismus, #NotJustSad, wo es um Depressionen ging, oder auch um andere aktuelle Debatten in Schwung zu bringen. Das wurde durch #Aufschrei nachhaltig noch einmal gefördert. Und das ist eine sehr positive Entwicklung.

Bei #Aufschrei speziell war es natürlich wie bei jeder Awareness-Aktion, obwohl diese nicht als solche geplant war, sondern aus der Situation heraus entstanden ist. Das Resultat war, dass sich Betroffene ausdrücken und verstehen konnten, sie sind nicht alleine. Dass sie Anspruch auf Hilfe haben und nicht die Schuld bei sich selbst suchen müssen. Und dass natürlich auch eine Sensibilisierung für diese Form von Diskriminierung stattfindet, die es immer noch gibt. Viele tun so, als ob wir Sexismus nicht mehr als Problem hätten, weil wir mit Angela Merkel eine Frau als Kanzlerin haben. Auf der anderen Seite hat #Aufschrei noch einmal sichtbar gemacht, wie Diskriminierung im Netz durch Hasskommentare funktioniert. Sie zielt gerade darauf, Leute wieder zum Schweigen zu bringen und diese aus dem Netz zu verdrängen.

Werden Frauen im Netz härter angegangen als Männer?

Für den deutschen Sprachraum gibt es leider noch nicht genug Datenmaterial, aber wenn man sich an dem amerikanischen orientiert, wird deutlich, dass Frauen und Männer ungefähr im selben Ausmaß von Hasskommentaren betroffen sind. Aber die Form, in welcher dies passiert, ist bei Frauen drastischer. Während Männer eher beschimpft werden, werden Frauen konkret bedroht, und das auch meist sexualisiert, also geschlechtsspezifisch. Das gilt vor allem für junge Frauen.

Wenn dann zum Beispiel noch andere Diskriminierungsformen wie Rassismus und Islamfeindlichkeit hinzukommen, weil die Frau vielleicht Hidschab trägt und dies auf dem Profilfoto erkennbar ist, führt dies oft nochmals zu einer Potenzierung von solchen Angriffen.

Wie schützt du dich selbst mittlerweile vor Hass im Netz?

Aktuell habe ich wieder mit einer krassen Welle zu tun. Aber allgemein schütze ich mich bei Twitter darüber, dass mein bester Freund meinen Account filtert. Das heißt, dass ich nur die konstruktiven und positiven Sachen sehe. Am Ende kann und möchte ich nicht auf diese Werkzeuge verzichten.

Mein E-Mail-Postfach wird ebenfalls von meinem Freund gefiltert. Das heißt, dass ich auch dort nur die konstruktiven Sachen weitergeleitet bekomme. Es ist dennoch wichtig, dass jemand aus meinem Umfeld in Kenntnis gesetzt wird, falls eine ernst zu nehmende Drohung dabei ist, damit man notfalls rechtliche Schritte einleiten kann. Dies auf dem Schirm zu haben und nicht komplett auszublenden ist leider notwendig. Im Zweifelsfall bedeutet es, dass jemand mit Gewalt droht und ankündigt, bei einer Veranstaltung von mir vor Ort zu sein, und dann muss ich mich mit dem Risiko auseinandersetzen.

Es wäre übertrieben zu sagen, dass den ganzen Tag nur solche Sachen reinballern, das ist phasenweise mitunter so, aber auch danach ist es nie ganz weg. Ich bezeichne das immer als Grundrauschen meines Alltags. Alleine die Tatsache, ständig mit Hasskommentaren rechnen zu müssen, gerade auch in Momenten, in denen man sich nicht so gut fühlt, belastet extrem. Und selbst wenn man schon abgehärteter ist – ich bin schon abgehärteter als andere Leute, die mit dem Netz zu tun haben –, arbeiten diese Kommentare in uns weiter. Das ist auch psychologisch belegt. Deshalb sollte das jeder Mensch, der damit konfrontiert ist, nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ein Filtersystem ist gerade für mich die beste Möglichkeit, um das Netz weiter als Werkzeug und für meine Arbeit nutzen zu können, ohne mich komplett rausziehen zu müssen.

Welche Tipps kannst du Frauen geben, die sich wegen sexistischer Kommentare aus dem Netz zurückziehen?

Ich möchte betonen, dass das meine individuelle Lösung ist. Ich sage nicht, dass dies für alle anderen auch funktioniert. Ich kenne genug Leute, die sich aus einem Kontrollverlust-Gefühl nicht vorstellen könnten, ihren Account abzugeben. Das muss man auch total respektieren.

Nichtsdestotrotz gibt es ein paar Basics, etwa, dass gerade Frauen – oder überhaupt marginalisierte Menschen – gucken sollten, dass sie auf ihrem Blog einen Weg finden, die Impressumpflicht zu umgehen. Das ist leider ein bisschen tricky, denn diese Impressumpflicht ist gesetzlich festgelegt. Bei der Entscheidung für eine Impressumpflicht wurde eben nicht über das Worst-Case-Szenario durch Hassattacken nachgedacht.

Es ist auch wichtig, Back Channels zu entwickeln. Ob das eine Mailingliste ist oder geschlossene Twitter-Accounts, die miteinander vernetzt sind, oder ein Slack Channel. Es ist ratsam, dass man sich mit anderen Betroffenen austauscht oder Leute hat, die notfalls mithelfen können, Accounts zu reporten, die aber auch genauso gut mit dem niedlichen Katzen-GIF gegensteuern können, um dir ein bisschen Ausgleich zu verschaffen. Manchmal hilft es auch einfach, das Ganze ins Absurde zu bringen. Es gibt unterschiedliche Strategien. Back Channels oder zumindest Netzwerke, in denen man sich im Zweifelsfall recht schnell austauschen kann, damit man das nicht so lange alleine mit sich rumträgt, ist schon das Wichtigste, was ich empfehlen würde.

Verstärken die sozialen Medien Hass oder Mitgefühl? Oder macht das Netz Hass oder Mitgefühl nur deutlicher spürbar?

Ich würde sagen, beides. Es ist sehr symptomatisch, dass Menschen auf Facebook, wo durchaus viele mit dem Klarnamen unterwegs sind, Hasskommentare posten. Und es wird ganz klar ersichtlich, dass sie sich im Recht fühlen, dies zu tun. Das ist einerseits ein Reality-Check, den ich sehe, aber natürlich haben wir auch Dynamiken wie den Echokammer-Effekt: Dass eben Leute in ihrer Echokammer nur noch mit Quellen in Kontakt kommen, die ihre Weltansicht bestätigen. Also zum Beispiel Pegida, bei denen man mit echten Fakten kaum noch reinkommt.

Wir reagieren oft auch aggressiver, als es notwendig wäre, weil unsere Kommunikation im Netz textbasiert ist und Mimik, Gestik und Tonfall in der Auseinandersetzung mit anderen Leuten fehlen. Das soll keine Hasskommentare entschuldigen, aber gerade bei Empörungszyklen überschreiten dann auch mal Leute, die vielleicht zu Recht etwas kritisieren, eine Linie, indem sie den richtigen Ton vermissen lassen. Wenn ich zum Beispiel ein sexistisches Produkt kritisiere, muss ich nicht anfangen, Leute zu beschimpfen.

Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, was sich in solchen Momenten in ihrem Hirn abspielt. An dieser Stelle ist auch wieder Medienkompetenz gefragt: um mit Stresssituationen vor dem Bildschirm besser umgehen zu können und um zu verstehen, warum ich gerade so aufgebracht bin. Vielleicht würde ich nach einem Durchatmen bereits merken, dass ich gerade dabei bin, mich im Ton zu vergreifen und andere zu beleidigen.

Wie schätzt du die Macht der Algorithmen bei unserer Kommunikation ein?

Bei Facebook sind die Algorithmen bisher am stärksten zum Einsatz gekommen. Das spielt schon eine Rolle bei unserer Kommunikation. Ich glaube, dass es auch eine Frage von Medienkompetenz ist, damit bewusst umzugehen. Es ist durchaus menschlich, dass sich Menschen eher mit Gleichgesinnten zusammenzutun als mit Menschen, zu denen eine gewisse Distanz besteht. Aber das ändert natürlich nichts an der Notwendigkeit, sich bei einer Debatte auch mit anderen Positionen zu beschäftigen und nicht immer nur den eigenen Confirmation Bias zu füttern, sondern eben auch noch andere Perspektiven zuzulassen. Es ist problematisch, wenn Algorithmen dazu führen, das eigene »gefestigte« Weltbild nur weiter zu zementieren.

Gibt es Momente, in denen du wegen des rauen Tons, der im Netz manchmal herrscht, ungern vernetzt bist?

Ja. Gerade als die Aufschrei-Aktion eine große mediale Aufmerksamkeit bekommen hat, war es sehr krass festzustellen, auf wie vielen Ebenen ich im Netz erreichbar bin. Das ist einerseits etwas Positives, gerade weil ich mich mit anderen Menschen zu diesen Themen austauschen möchte. Andererseits bin ich aber auch schnell erreichbar für Menschen, die sich dort einfach mal komplett über mich auskotzen möchten, und das ist noch die nett formulierte Variante. Ich fasse das immer mit dem Satz zusammen: Das Netz kann halt auch nur so gut sein wie die Menschen, die es benutzen. Es gibt Technologien, die eine Rolle spielen, insgesamt ist es aber auch immer noch ein Abbild dessen, wie bestimmte Menschen eh schon ticken.

Siehst du Felder, auf denen uns das Netz empathischer macht? Gibt es Strategien, welche die Empathie im Netz fördern könnten?

Ja, ich glaube schon. Gerade um all die Themen rund um soziale Gerechtigkeit in der Gesellschaft besser zu verstehen. Ich bin nicht von Rassismus betroffen, aber ich habe durch das Netz überall auf der Welt Zugang zu unterschiedlichen Positionen von Rassismusbetroffenen. Das heißt, dass ich mir das, neben der deutschen, auch im Kontext der amerikanischen, der britischen oder der französischen Debatte angucken kann. Wer das Privileg hat, nicht von Rassismus betroffen zu sein, kann dieses Problem theoretisch ausblenden. Aber das Potenzial, mit diesen Perspektiven übers Netz noch einmal Leute zu erreichen und auch zu aktivieren, um sich für eine gerechtere Gesellschaft zu engagieren, das ist definitiv da. Und dafür ist das Netz – gerade für mich als Aktivistin – natürlich unerlässlich.

Interessant ist, dass Menschen so gestrickt sind, dass sie schneller auf negative Impulse reagieren. Dass dies eher ein Potenzial ist, das aktiviert wird, als ein positiver Impuls. Was nicht heißen soll, dass Empörung per se ausgeschlossen oder reduziert werden sollte. Aber gerade für Menschen, die sich für eine gerechte Gesellschaft engagieren, die respektvoll mit allen ihren Mitgliedern umgeht, sollten wir uns anschauen, wie wir unsere Kraft gewichten. Natürlich kann ich mich über die neueste Fleischhauer-Kolumne empören, und ich weiß auch, dass mich die Auseinandersetzung darüber aufregen würde. Die Frage ist aber, ob mir dies überhaupt etwas bringt oder ob es nicht sinnvoller wäre, dafür drei tolle Projekte von Menschen zu teilen, um auf diese aufmerksam zu machen und so etwas Positives zu bewirken.

Ich glaube, dies ist etwas, womit wir bewusster mit unserem Medienkonsum, insbesondere aber eben auch im Netz, umgehen sollten. Auch wieder mehr Leuten zu sagen und zu zeigen: Das, was du machst, ist gut, und ich unterstütze dich. Das klingt total simpel, aber das ist etwas, was wir viel zu wenig tun. Und es kann auch, so wie wir es bei »Organisierte Liebe« versucht haben, ein Impuls reichen, um zu verdeutlichen, wohin wir wollen.

Am Ende ist meine Vorstellung von einem humanen Netz ja auch eines, in dem Fehler passieren, in dem Menschen aber auch daran wachsen dürfen und nicht sofort alle komplett fertiggemacht werden müssen. Das ist auch gerade für Menschen wichtig, die mit dem Netz aufwachsen. Es ist klar, dass ich mit Anfang 20 nicht so reflektiert über Dinge sprechen kann wie zehn Jahre später. Dies muss man in dem jeweiligen Kontext betrachten, und das muss das Netz auch erlauben. Ich finde es jedes Mal schade, wenn ich über Aktivismus im Netz spreche, denn ich möchte eigentlich nur von den tollen Dingen und den großen Potenzialen berichten, die es hat. Aber man muss ehrlicherweise auch darauf hinweisen, welche Risiken das Internet birgt. Wir dürfen uns aber auch nicht von dieser Angst beherrschen lassen. Das ist das Letzte, was ich möchte. Dann haben die Hater gewonnen. Und dies dürfen wir nicht zulassen.

Foto: Anne Koch

Info: Dieses Interview ist Teil einer Reihe von insgesamt 15 Interviews und wurde im Rahmen eines Buchprojektes geführt.

Interview mit Ilker Çatak

Foto: Johannes Kreuser

Foto: Johannes Kreuser

Wer bist du und was machst du?

Ich bin Ilker Çatak, 31 Jahre. Gebürtiger Berliner. Filmemacher. Habe in Istanbul gelebt, dort Abi gemacht. In Hamburg studiert. Mittlerweile wieder in Berlin.

Im vergangenen Jahr wurdest du mit deinem Kurzfilm „Wo wir sind“ für den Studenten-Oscar nominiert, dieses Jahr hast du ihn mit „Sadakat“ gewonnen. Worum geht es bei Sadakat?

Der Film wendet den Blick nach Istanbul. Dort ist die Stimmung angespannt, auf den Straßen wird demonstriert. Durch die Gesellschaft zieht zunehmend ein Riss. Aslı, eine junge Röntgenassistentin, lebt in stabilen Verhältnissen. Aber die gesellschaftlichen Unruhen erreichen auch sie: In einer spontanen Aktion bietet sie einem politischen Aktivisten Schutz und hilft ihm einer Verhaftung zu entkommen. Dadurch geraten sie und ihre Familie ins Visier der Polizei. In “Sadakat“ geht es um Mut und darum, Rückgrat zu zeigen, wenn es um grundlegende Prinzipien geht.

Welche Rolle haben die digitalen Medien wie Twitter oder Youtube für die Proteste in Istanbul gespielt?

Sie haben die Gezi Proteste 2013 befeuert. Über sie haben sich die Menschen ausgetauscht, organisiert, solidarisiert. Als dann die Regierung Medien wie Twitter oder Youtube gesperrt hat, wurde den Menschen vor Augen geführt, wie manipulativ und repressiv die Regierung ist.

Wie habt ihr während des Drehs kommuniziert?

Per Handy, Internet, mit Händen und Füßen.

Ihr habt inzwischen zahlreiche Preise für euren Film erhalten. Hat euch eure eigene Facebook-Seite „Sadakat fidelity“ dabei geholfen – oder hat sich euer Film ganz analog verbreitet?

Kann ich schwer beurteilen. Die Seite hat nun knapp 300 Likes. Ich denke, dass der Erfolg des Films nicht unbedingt mit der Facebook-Seite zu tun hat. Eher habe ich das Gefühl, dass die Seite dazu dient, Freunde und Verwandte auf dem Laufenden zu halten. Wax your own car, sozusagen.

Könntest du dir vorstellen auch mal Regie für eine Netzserie zu führen?

Ja. Ich bin ein großer Fan von “Black Mirror”. Diese Serie schafft es, das Thema der digitalen Medien handwerklich sehr virtuos und inhaltlich sehr differenziert umzusetzen. Charlie Brooker ist ein Genie. Sowas würde ich gerne mal machen.

Bist du, was den Stand der Digitalisierung angeht, aktuell eher verwirrt oder glücklich?

Ich bin weder verwirrt, noch glücklich. „Auf der Hut“ trifft es wohl am ehesten. Ich bekomme fast täglich Facebook-Freundschaftsanfragen von Menschen, die ich in meinem Leben noch nie gesehen habe. Sehr befremdlich. Neulich habe ich Citizenfour gesehen und der Film hat mir einmal mehr die Augen geöffnet. Es ist eine Schande, wie das Internet, dieses großartige Medium, von Machthabern zum BigBrother-Tool instrumentalisiert worden ist. Ich weiß, dass jeder Geheimdienst dieser Welt alles über mich weiß. Das macht das Internet zu einem Ort, an dem ich vorsichtig sein muss. Vielleicht bin ich paranoid, aber ich klebe neuerdings auch meine Webcam ab. „That You Don’t Care About The Right To Privacy Because You Have Nothing To Hide Is No Different Than Saying You Don’t Care About Free Speech Because You Have Nothing To Say” Dieses Snowden-Zitat finde ich klasse. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen, allen voran Politiker, Snowden und das, was er geleistet hat, wertschätzen.

Interview mit Karla Paul

karlapaul_swWer bist du und was machst du?

Mein Name ist Karla Paul, ich bin 32 Jahre alt und wohne aktuell in Hamburg. Hauptberuflich leite ich den Digitalverlag Edel eBooks und arbeite an einem weiteren Imprint, das zur Buchmesse im Herbst online gehen wird. Nebenbei blogge ich auf Buchkolumne.de, gebe regelmäßig in der ARD und anderen Medien Buchempfehlungen und schreibe an meinen ersten beiden eigenen Büchern. Mein Leben habe ich komplett der Literatur gewidmet und ich bin sehr glücklich, dass ich im Gegensatz zu vielen anderen Menschen aktuell auch meinen Lebensunterhalt davon und damit bestreiten darf.

Du leitest seit diesem Jahr den Digitalverlag von Edel Books. Welche Hoffnungen verbindest du mit dieser neuen Aufgabe?

Die Buchbranche ist im Umbruch und wir haben mit vielen Problemen zu kämpfen – uns sind aber ebenso viele neue Möglichkeiten gegeben und ich bin immer eher dafür die Sache positiv zu sehen und das Beste daraus zu machen. Ebooks sind schneller und günstiger zu produzieren und dadurch können wir die Ideen der Autoren und aktuelle Themen einfacher und flexibler umsetzen. Im Idealfall kann ich gemeinsam mit meinem Team alle neuen Ideen nutzen und sie sinnvoll ins Digitale übersetzen – und natürlich auch verkaufen. Es hilft ja jede tolle Entwicklung nichts, wenn der Leser sie eigentlich gar nicht will. Enhanced Ebooks sind z.B. weiterhin eine tolle Erweiterung, kommen bei den Lesern aber bisher nicht an. Wir wollen in Zukunft die erste Anlaufstelle rund ums digitale Lesen und Schreiben werden und die Käufer sowohl mit klassischen Romanen als auch mit neuen Experimenten begeistern.

Was möchtest du anders/besser machen als andere Verleger?

Dies ist mein Start als Verlegerin und von daher bin ich froh, wenn ich es erst einmal genauso gut wie Andere mache. Es ist eine große Verantwortung für oder gegen Titel zu entscheiden und die Inhalte optimal aufzubereiten. Hat man das richtige Cover gewählt? Was wird der Autor zu den Änderungen sagen? Kauft man lieber nur den einen Roman ein oder gleich mehrere, damit sie bei großem Erfolg nicht an einen anderen Verlag gehen? All dies ist nicht leicht zu entscheiden, man hat nicht viel Zeit um aus Fehlern zu lernen und ich bin sehr froh, dass ich ein tolles Team habe, das mir vertraut und mich bei allem unterstützt – dies gilt ebenso für die Agenturen. Ganz optimistisch gedacht  und ehrlich geantwortet will ich natürlich die besten Inhalte veröffentlichen und die dazugehörigen Autoren reich machen. Den Wunsch nach hohen Verkaufszahlen darf man in der Kulturbranche ja eigentlich gar nicht laut äußern, aber ohne genug Umsatz kann ich nicht in neue Literatur investieren und damit auch nicht in Autoren, die evtl. noch nicht so bekannt sind und dem Massengeschmack entsprechen. Hier gilt es den Mittelweg zu finden und dabei hoffentlich nicht allzu große Fehler zu machen bzw. aus denen dann wenigstens schnell  und viel zu lernen.

Verfolgst du eine „Vision“ in der Buchbranche?

Ich habe keine Vision von der idealen Buchbranche. Mich freut, dass dank Selfpublishing inzwischen jeder schreiben und veröffentlichen kann, was ihr bzw. ihm gefällt und dank dem Internet auch seine Leser findet. Ich hoffe, dass der lokale Buchhandel vom Leser weiterhin geschätzt und mit genug Verkäufen bedacht wird. Aber ich wage keine Schätzung, wie der Markt in zehn Jahren aussehen wird – so oder so werde ich mich darauf einstellen und den Veränderungen mutig und kreativ entgegen gehen und wünsche mir, dass möglichst viele mitkommen.

Mit welchen Krisen hattest du auf deinem digitalen Weg zu kämpfen?

Am Anfang stellt man sich immer alles ganz einfach vor und stellt dann fest – oh, da gibt es jede Menge soziale, finanzielle, rechtliche, technische und zeitliche Probleme und viele davon hatte man vorher nicht mal ansatzweise im Blick. Man wird stets und ständig von der Realität oder gern auch öfter mal von der Gesetzgebung überrascht, positiv und negativ. Das ist ja ungefähr so, wie ich es mir auch beim Kinderkriegen vorstelle – man kann sich einfach nicht wirklich darauf vorbereiten, man kann es nur machen und dann daran wachsen. Literatur ist mit jedem Projekt und Autor anders und das ist eigentlich auch das Spannende daran. Ich habe gelernt mit mehr Geduld ranzugehen, um Hilfe zu bitten und mich mit Menschen zu umgeben, die von vielen Bereichen wesentlich mehr verstehen als ich und von diesen zu lernen. Zudem darf man sich nicht von Rückschlägen unterkriegen lassen und diese nicht allzu persönlich nehmen.  An manchen Tagen funktioniert das schlechter und an sehr vielen besser!

Deine sozialen Kanäle sind für alle Menschen einsehbar. Wie wichtig ist dir der Schutz deiner Privatsphäre?

Meine Privatsphäre ist mir sehr wichtig. Glücklicherweise können wir alle (noch) selbst entscheiden, welche Informationen wir in den sozialen Netzwerken veröffentlichen und welche nicht. Für mich ist es ein deutlicher Unterschied, ob ich für die Leser auf Instagram mein Bücherregal fotografiere oder offen über mögliche Beziehungsprobleme diskutiere. Trotzdem muss jeder selbst wissen, was für ihn privat ist. Nur ganz klar: einmal im Netz, immer im Netz. Also überlegt man sich eben vorher in welcher Laune man was postet. Nicht ganz so entspannt bin ich allerdings bei den Inhalten, die Fremde über einen ins Netz stellen, d.h. wenn ich z.B. ohne mein Einverständnis fotografiert und markiert werde – das würde ich umgekehrt auch nicht tun. Ich lasse die Menschen gern an meinem Leben teilhaben, wenn sie die von mir gesteckten Grenzen respektieren – so verhalte ich mich auch Anderen gegenüber und dies sollte im Internet als auch im realen Leben gelten.

Die Buchbranche hat sich, bedingt durch die Digitalisierung, in den letzten Jahren verändert. Hat sich, abgesehen vom Aufkommen des E-Books, deiner Meinung nach auch die Art des Lesens verändert?

Das ist definitiv so – vielen von uns wurde in den letzten Jahren dank Facebook, Klickstrecken sowie Like- und SEO-optimierten Inhalten die Konzentration auf lange Texte abtrainiert. Die Informationen müssen uns heute schneller, bunter und härter um die Ohren gehauen werden, dagegen hat es ein 600-Seiten-Roman natürlich schwer. Auf der anderen Seite suchen viele Leser nun erst recht die Ruhe im Buch, das der Fantasie noch komplett freien Lauf lässt. Es gibt diverse Studien, die das jeweils positiv als auch negativ interpretieren. Wenn ich aber die Leserzahlen betrachte, dann bleiben sie weiter stabil und ich erhalte dutzendfach Rückmeldungen von begeisterten Menschen, die sich über meine Buchempfehlungen freuen. Ich sehe die Menschen weiterhin in den öffentlichen Verkehrsmitteln und Parks gefesselt über den Seiten oder Readern sitzen und freue mich immer sehr darüber. Allerdings müssen wir uns tatsächlich etwas einfallen lassen, wie wir nicht nur die aktuellen Leser beim Buch behalten, sondern wie wir den Nachwuchs aktivieren. Vielleicht können die digitalen Möglichkeiten hier helfen.

Wann hast du zum letzten Mal ein klassisches Buch in der Hand gehabt?

Heute. Ich lese täglich in klassischen Büchern, unterwegs Digitalliteratur sowie Hörbücher, meine Fahnen lasse ich mir sogar extra ausdrucken. Für mich ist das Ebook eine fabelhafte Ergänzung und keine Alternative, es gibt kein entweder/oder. Literatur umfasst für mich das komplette Paket und ich hoffe, dass wir in den kommenden Jahren noch viel mehr Möglichkeiten zur Darstellung und Verwirklichung finden werden. Die Kunst ist bunt, wir sollten sie im Idealfall ebenso vielfältig nutzen.

Wie werden wir in 10 Jahren lesen? Kannst du uns eine Einschätzung geben?

Das kann und will ich nicht. Literatur ist großartig und unser Leben dank ihr reicher, wir werden immer einen Platz und Möglichkeiten dafür finden. Aber ich kann nicht hellsehen und werde es auch nicht probieren, so oder so werden Bücher immer der wichtigste Teil meines Lebens sein und hoffentlich auch wenigstens teilweise im Leben vieler anderer Menschen. Die digitale Entwicklung geht weit weniger schnell als erwartet/gehofft/befürchtet und das gedruckte Buch wird sicher nicht so bald aussterben. Aber wie sich die Prozentzahlen in einem Jahrzehnt verändert haben, das kann niemand sagen. Lasst uns gemeinsam die Gegenwart gestalten und sehen, wohin der Weg uns führt.

Bist du, was den aktuellen Stand der Digitalisierung angeht, aktuell eher verwirrt oder glücklich?

Weder noch. Luft nach oben ist immer und ich bin auch nicht gerade für meine Geduld bekannt. Aber es entstehen jeden Tag neue Möglichkeiten und Chancen, sowohl für die Autoren als auch die Verlage und den Handel. Da ist es ganz selbstverständlich, dass wir manchmal nicht hinterherkommen bzw. wir mussten erst einmal eine Menge Grundsatzfragen klären (z.B. mit oder ohne DRM – bitte immer ohne) und hinterfragen beständig die Abläufe. Mir ist wichtig, dass wir schnell lernen, was der Leser will, wo seine Interessen hingehen und dementsprechend dessen Wünsche erfüllen und nicht darauf warten, dass sich der Kunde nach unseren Vorstellungen richtet.  Das ist ein ständiger Prozess und nicht alles klappt gleich von Anfang an. Sagen wir es so – ich bin weiterhin höchst motiviert!