Kategorie-Archiv: Netzgespräche

Interview mit Sabria David

Sabria DavidWer bist du und was machst du?

Sabria David, Medienforscherin, Expertin für digitalen Wandel und Mitgründerin des Slow Media Instituts.

Wir wissen aufgrund unserer Sozialisation, wie man sich beim Tod von Freunden oder Verwandten verhält, aber nicht, wie man im Netz mit einer Vielzahl von Opfern aufgrund einer Katastrophe oder eines Terroranschlags umgehen sollte. Woran könnte das liegen?

Das liegt daran, dass die digitalen Entwicklungen noch relativ neu sind; für alle Bereiche müssen die Regeln völlig neu ausgehandelt werden. Dazu gehört auch die Kulturtechnik, die Art und Weise, wie wir uns im digitalen Raum bewegen und handeln. Wir befinden uns mitten in einem Transformationsprozess.

Brauchen wir beim Surfen im Netz eine „Kindersicherung“ für uns?

Wir brauchen eine hohe Souveränität, Verantwortung und Mediennutzungskompetenz. Und die Fähigkeit, sich auch mal entziehen zu können. Vielleicht kann man es aber auch so ausdrücken: Der Erwachsene in uns sollte dem Kind in uns eine Orientierung geben.

Es scheint einfacher, sich durch Partnerschafts-Apps im Internet zu verlieben, als in der realen Welt. Auf der anderen Seite klappt das mit dem Ent-lieben im Netz weniger gut. Woran könnte das liegen?

Ist es leichter, sich durch Partnerschafts-Apps zu verlieben? Man kann mehr Menschen im Netz begegnen, aber ob das mit dem Verlieben leichter klappt, weiß ich nicht… Was natürlich stimmt: Man kann sich im echten Leben leichter aus dem Weg gehen, als in der digitalen Welt.

Unsere sozialen Umgangsformen müssen auf den digitalen Raum angepasst werden.

Es scheint so, als bräuchten wir Hilfe, wie wir in Zukunft mit dem Internet und seinen Informationen leben möchten. Wer oder was könnte in dieser Situation Hilfestellung leisten?

Das Ziel unseres Instituts ist es, die Menschen und die Gesellschaft dabei zu unterstützen, mit dem digitalen Wandel umzugehen. Ein großes Thema ist der digitale Arbeitsschutz, wie wir im Arbeitskontext produktiv und vernünftig mit dem Fortschritt umgehen können. Tatsächlich brauchen wir auf dem Weg in eine digitale Gesellschaft so etwas wie „Fortschrittskompetenz“. Wir haben aktuell eine repräsentative Studie mit 2500 Teilnehmern durchgeführt, bei der wir die Haltung und Lebensformen der Menschen untersucht haben. Das hilft dabei, Mediennutzungsverantwortung und post-digitale Kulturtechniken zu entwickeln, .

In der Studie haben wir herausgefunden, dass 92 % der Menschen den Wunsch haben, sich zu fokussieren. (Dabei leben wir in einer Welt, die von wenig Konzentration und Innehalten geprägt ist.) Durch die Studie können wir die Menschen in Mediennutzungstypen einteilen: Menschen, die regelmäßig eine Sonntagszeitung lesen, sind gleichzeitig auch aktive Online-Nutzer, um ein Beispiel zu nennen.

Durch die Digitalisierung bekommen die Begriffe „Öffentlich“ und „Privat“ eine ganz neue Bedeutung. Privatheit, gibt es das heutzutage überhaupt noch?

Privatheit wird es immer geben. Was als privat verstanden wird, verändert sich durch die Digitalisierung jedoch sehr deutlich. Private Telefonate im Zug hätte man früher immer als „privat“ definiert.

Wie werden wir in 20 Jahren miteinander kommunizieren? Privat oder öffentlich?

Wir werden auf jeden Fall miteinander kommunizieren, weil es das Grundbedürfnis des Menschen ist, sich auszutauschen. Privat und Öffentlich war früher an einen festen Ort gebunden, mit den digitalen Medien funktioniert das so nicht mehr. Wir müssen daher neue Formen der Privatheit entwickeln.

Bist du, was den aktuellen Stand der Digitalisierung angeht, aktuell eher verwirrt oder glücklich?

Ich bin voller pragmatischem Idealismus. Eine Mischung aus zufrieden und wachsam.

Interview mit Sineb El Masrar

Sineb El MasrarWer bist du und was machst du?

Sineb El Masrar heiße ich, durchlebe gerade die diversen Stufen der 30er und arbeite als Autorin.

Du hast 2006 die erste multikulturelle Frauenzeitschrift gegründet. Was war deine Motivation?

Es war Zeit den Zeitschriftenmarkt und hier ganz besonders den Frauenmagazinbereich zu beleben. Diesem Segment neue Facetten zu verleihen und Denkanstöße zu geben, damit über den eigenen Frauenmagazin-Tellerrand geblickt wird. Mir war es wichtig ein Magazin zu konzipieren, das Frauen in den Vordergrund rückt, die ihre Wurzeln in anderen Kulturen haben. Diese aber nicht in klischeehafter und exotischer Weise vorzuführen. Wie leider oft der Fall. Daher ist auch das Team so vielfältig, wie die Lebensrealität in Deutschland eigentlich schon seit Jahrzehnten. Diese Lebensrealitäten hatten zumindest 2006 noch nicht Einzug gehalten im Frauenmagazinbereich. Das ändert sich nun etwas. Das freut mich.

Gab es nach deinem ersten Buch „Muslim Girls“ Kritik?

Eigentlich nicht. Zumindest haben mich die bösen Kritiken nicht erreicht. Der Tenor war eigentlich sehr positiv. Die LeserInnen haben sich bedankt, weil sie sich selbst darin wiedererkannt haben, sich unterhalten fühlten oder einfach eine Menge gelernt und verstanden haben, was ihnen so vorher keiner nahe gebracht hatte. Denn was das Thema muslimische Frau bzw. Mädchen angeht, herrschen heute zum Teil noch einige Vorurteile.

Welche sozialen Netzwerke nutzt du beruflich?

Ganz klassisch Twitter und Facebook. Auch wenn es da noch Luft nach oben gibt, bin ich damit soweit zufrieden.

Wie schätzt Du die Chancen des Internet ein, um die Vernetzung der muslimischen Frauen zu verbessern?

Gut. Ohne große Mühe lassen sich vom Fleck weg Muslimas bundes- bis weltweit vernetzen. Ganz einfach und unkompliziert hat jede die Möglichkeit in Kontakt zu treten. Erst einmal eine feine Sache. Allerdings bilden sich auch hier, wie im realen Leben, aufgrund von diversen persönlichen Interessen schnell Gruppen. Da kann es schon mal an Diversität mangeln. Auch das Internet funktioniert aufgrund der NutzerInnen selektiv. Das ist aufgrund der Masse an Informationen und Angeboten auch nur logisch. Das sollte nicht vergessen werden, bei all der Vernetzungseuphorie.

Was antwortest du Islamkritikern, die behaupten, der Islam rechtfertige den Einsatz von Gewalt gegenüber Nichtmuslimen?

Hängt vom Islamkritiker ab. Kann ja schnell eine ziemlich ermüdende Diskussion werden. Zunächst einmal gibt es Gewaltverse beispielsweise im Koran. Das lässt sich nicht leugnen. Das zu verneinen ist Zeitverschwendung. Die Frage ist eher, wie gehen wir damit um. Wie werten Muslime und Islamgelehrte dies? Also ein lösungsorientierter Ansatz. Mich würde umgekehrt daher interessieren, was ist der Beitrag des Islamkritikers? Geht es hier ebenfalls um Lösungsansätze und konstruktiven Austausch oder schlicht um Islambashing. Letzteres kostet nur Nerven und Zeit und führt zu keinem respektvollen Zusammenleben.

Bist du der Meinung, die sozialen Netzmedien könnten einen Beitrag zum besseren interkulturellen Verständnis leisten oder befürchtest du durch sie eher eine Zementierung bestehender Vorurteile?

Es hängt alles im Leben von der Absicht ab. Will ich das Netz nutzen, um Schaden anzurichten und Menschen auszugrenzen, werden diese Personen das Netz für diese Zwecke missbrauchen. Leute, die aufrichtiges Interesse an Kulturen, verschiedenen Lebensweisen sowie an unterschiedlichen Meinungen haben, werden trotz der Flut an Informationen und Angeboten im Netz sich bemühen ihre Vorurteile immer wieder im Blick zu behalten. Es liegt damit in den Händen eines jeden Einzelnen, wie und welche Netzmedien er oder sie nutzt.

Bist du, was den Stand der Digitalisierung angeht, aktuell eher verwirrt oder glücklich?

Es verändert sich vieles sehr schnell. Das Tempo mithalten zu können, ist nicht immer einfach. Das ist manchmal etwas ermüdend. Aber auch höchst spannend. Denn es gibt vieles zu lernen. Und das ist doch eines der vielen spannenden Dinge im Leben eines Menschen. Neues entdecken und mehr darüber zu erfahren.

Interview mit Yara Tlass

yaratlassWho are you and what are you doing?

Syrian activist, passionate about the culture and politics of the Middle East as well as the Arts and Humanities in general. Currently, I am focusing on Watanili, a grassroots initiative focusing on supporting Syrians through the means of art, culture and education.

Ich bin eine syrische Aktivistin voller Leidenschaft für die Kultur und die Politik des Nahen Ostens, aber ebenso für die Künste und die Menschlichkeit ganz allgemein. Gegenwärtig befasse ich mich im Besonderen mit Watanili, einer Graswurzel Initiative, die sich darauf konzentriert, Menschen aus Syrien mit den Mitteln der Kunst, Kultur und Bildung zu unterstützen.

At what time did you found the Watanili Initiative? What’s actually about it?

I founded it in May 2014. Initially the idea was to shed light on the civilians on the ground, offering another image to the Syrian „conflict,“ one that is not just limited to Assad and ISIS or jihadist fighters. We wanted to tell the world that there are people in Syria, like you and me, who want to live in peace and dignity, but no one is listening to their stories, or providing them with any significant support. We wanted to shed light on their voices. Today, we are focusing more on supporting refugee kids and internally displaced Syrians through recreational and educational projects using art as therapy and other creative means to heal the wounds of violence and loss.

Ich gründete die Initiative im Mai 2014. Anfangs ging es darum die Zivilbevölkerung vor Ort ins Rampenlicht zu rücken und von dem syrischen „Konflikt“ ein anderes Bild zu vermitteln, eines, das sich nicht auf die Sichtweise Assads, der IS-Kämpfer oder der Dschihadisten beschränkt. Wir wollten der Welt klarmachen, dass es in Syrien Menschen gibt wie du und ich, die in Frieden und Würde leben möchten, deren Geschichten aber niemand hören und die auch niemand wirklich unterstützen möchte. Wir wollten deren Stimmen Gehör verschaffen. Heute konzentrieren wir uns mehr darauf, Flüchtlingskindern und innerhalb des Landes Vertriebenen dadurch zu helfen, dass wir mit ihnen therapeutische und Bildungsprojekte durchführen, indem wir mit Hilfe der Kunst und anderen kreativen Mitteln ihre durch Gewalt und Verlust geschlagenen Wunden zu heilen versuchen.

What has been your motivation?

My motivation has been the positive difference that we see on the refugees faces; in every project that we carry out whether it is art-related, workshops or recreational/therapeutic activities, we see an improvement in the kids ‘well being. And that, for me, is the biggest reward.

Meine Motivation waren und sind die Blicke, die wir in den Gesichtern der Flüchtlinge sehen; in jedem Projekt, welches wir durchführen, sei es künstlerischer Art, seien es Workshops oder therapeutische Maßnahmen, sehen wir einen Fortschritt im Wohlbefinden der Kinder. Und dies ist für mich die größte Auszeichnung.

What’s the difference between Watanili and other democratic initiatives?

Watanili focuses on the creative aspect of education and art. Through creative learning projects and art initiatives, we seek to nurture their spirits and expose them to various skills and environments in order to help them heal from the trauma of war but also help them recuperate their dreams and hopes, learning new things so that they can discover and develop their talents in order to become active leaders in the future Syria.

Watanili kümmert sich um die kreative Seite von Bildung und Kunst. Durch kreative Lernprojekte und künstlerische Initiativen wollen wir den Geist der Menschen anregen und sie mit verschiedenen Fertigkeiten und Umgebungen vertraut machen, um ihnen zu helfen sich vom Trauma des Krieges zu befreien, aber ebenso, um sie dabei zu unterstützen ihre Träume und Hoffnungen wiederzugewinnen, indem sie Neues lernen. Auf diese Weise können sie ihre Talente entdecken und weiter entwickeln, um in einem künftigen Syrien Leitungsfunktionen übernehmen zu können.

Which role does the Internet play by disseminating your ideas? Which Social Networks do you use for your activities?

I use Facebook a lot, especially to post updates about our work and projects. I think it is useful and helps people understand your ideas and intentions.  I also started using twitter recently but this is mainly for quick campaign updates. But in general I rely on social media a lot to generate interest and maintain a presence online, which I think is important nowadays.

Ich nutze häufig Facebook, insbesondere um Entwicklungen im Zusammenhang mit unserer Arbeit und unseren Projekten zu posten. Ich denke, das ist nützlich und es hilft dabei, dass die Leute deine Ideen und Intentionen verstehen. Neulich habe ich auch damit begonnen Twitter zu nutzen, aber hauptsächlich dazu, schnell über neue oder veränderte Kampagnen zu berichten. Aber ganz allgemein setze ich vielfach auf die sozialen Netzwerke, um Interesse zu wecken und online Präsenz zu zeigen, was heutzutage, wie ich meine, wichtig ist.

Last year you have taken 20.000 US $ with donations. What did you do with that money?

We collected about 12.400 $ for our arts and creative workshops with refugee kids in Reyhanli, Turkey, through online campaign. We bought art supplies, equipment and covered logistics costs that enabled us to carry out the activities. We also filmed a documentary ‘Basil’ to shed light on refugee issues and offer a glimpse into their lives. I remember we had about 2.000 $ left at the end of the campaign, we distributed them to families in need. Another campaign that we did was during the winter where we collected about 7.500 $ to distribute winter supplies to displaced Syrian families at the border. This was done through two campaigns; the first being a crowd funding and the second being an open call in collaboration with our dear friends, Elisa Marvena and Silvana Santamaria .Today, we are also raising funds through crowd funding to carry out our second art Campaign to support Syrian refugees.

Mit einer Online Kampagne sammelten wir ungefähr 12.400 US $ für unsere künstlerischen und kreativen Workshops mit Flüchtlingskindern in Reyhanli/Türkei. Wir kauften Material zum künstlerischen Gestalten sowie Ausrüstungsgegenstände und konnten die Transportkosten decken, was uns überhaupt erst ermöglichte, unsere Projekte durchzuführen. Wir produzierten auch einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Basilius“, um die Probleme der Flüchtlinge zu beleuchten und einen Blick auf ihre Lebenssituation richten zu können. Ich erinnere mich daran, dass wir am Ende der Kampagne ungefähr 2.000 $ übrig hatten, die wir an Familien in Not verteilen konnten. In einer weiteren Kampagne, die wir im Winter durchführten, sammelten wir ungefähr 7.500 $, mit denen wir an der Grenze Winterkleidung für vertriebene syrische Familien beschaffen konnten. Eigentlich waren das zwei Kampagnen: Die erste lief über Crowdfunding und die zweite über einen offenen Spendenaufruf mit Unterstützung zweier guten Freundinnen, Elisa Marvena und Silvana Santamaria.  Inzwischen sammeln wir wieder Spenden mit Hilfe des Crowdfunding, um unsere zweite Kunstkampagne zur Unterstützung syrischer Flüchtlinge durchführen zu können.

Have you planned in close future another big donation action on the Internet?

Right now we are focusing on fundraising events. Crowdfunding campaigns have been difficult and not very sustainable that is why we choose to diversify between various sources of funding.

Gerade konzentrieren wir uns auf Spendengalas. Crowdfunding Kampagnen sind schwierig und nicht besonders nachhaltig gewesen. Deshalb haben wir uns dafür entschieden, zwischen verschiedenen Spendenquellen abzuwechseln.

Where from do we know that the money comes with the people in Syria really?

Every donation that we receive is spent on projects that directly affect refugee kids. For transparency issues, we send donors receipts and break down the costs so they can understand where the money is going. Also, various images and video documentation helps in the sense that people see the results of the work and can trust that their donations are well spent.

Jede Spende, die wir erhalten, fließt in Projekte, die unmittelbar mit Flüchtlingskindern zu tun haben. Aus Gründen der Transparenz schicken wir den Spendern Belege und Aufstellungen der Kosten, damit sie nachvollziehen können, wohin das Geld fließt. Auch diverse Fotos und Videodokumentationen tragen dazu bei, dass die Leute die Ergebnisse unserer Arbeit sehen und darauf vertrauen können, dass ihre Spenden gut angelegt sind.

Concerning the level of digitization we have reached, do you actually think you would be more confused or happy?

I think it all depends on how we use the digital world. I personally use it to disseminate news and opinions that I think are important to consider regarding social and political issues. In terms of our Watanili project, I mostly use it to spread the word about upcoming campaigns, projects and events, which I think is important because people want to see the work that you do and social media has been great in that sense.

Ich denke, alles hängt davon ab, wie wir mit der digitalen Welt umgehen. Ich persönlich nutze sie, um Nachrichten und Meinungen zu verbreiten, von denen ich meine, sie seien wichtig, um über soziale und politische Probleme nachzudenken. Was unser Watanili Projekt angeht, nutze ich sie hauptsächlich zur Mundpropaganda für anstehende Kampagnen, Projekte und Events. Ich denke, das ist wichtig, denn die Leute wollen die Arbeit, die du machst, sehen, und in dieser Hinsicht  waren die sozialen Netzmedien toll.

Interview mit Kathleen Ziemann

KathleenZiemannSWWer bist du und was machst du?

Hallo, ich bin Kathleen Ziemann, Kulturwissenschaftlerin und als Forscherin für Studien und Reports des betterplace lab zuständig. Das heißt, ich entwickle das Forschungsdesign für unsere Studien und verantworte die Redaktion unserer Veröffentlichungen – zum Beispiel auch für den Trendreport.

Für den Trendreport erforscht ihr, wie soziale Organisationen digitale Tools nutzen können. Warum wurde der Trendreport ins Leben gerufen?

Mit dem Trendreport machen wir uns auf die Suche nach der „guten“ Seite des Internets. Unsere über 600 Fallbeispiele aus aller Welt sollen soziale Organisationen dazu inspirieren, das Internet für ihre Arbeit zu nutzen. Und mit unseren Trends wollen wir sie auf Themen und Herausforderungen der Zukunft vorbereiten.

Was macht eigentlich einen Trend aus?

Wir analysieren unsere Datenbank aus Fallbeispielen und ermitteln, welche Wirkungsprinzipien gehäuft auftreten. Wenn wir viele Beispiele finden, in denen SMS-Kampagnen eine wichtige Rolle spielen – wie etwa in der Gesundheitsversorgung in entlegenen Regionen oder im Katastrophenfall, dann schreiben wir einen Trend darüber.

Kannst du uns einen besonderen Trend aus dem letzten Jahr beschreiben?

Für mich ist der Trend „Unterwachung“ ganz besonders wichtig. Er zeigt, welche Kraft das Internet entwickeln kann: Menschen können mit Hilfe digitaler Plattformen Politiker und große Konzerne gemeinsam unter die Lupe nehmen und öffentlich unbequeme Fragen stellen. So können sie für mehr Transparenz sorgen und Korruption begrenzen.

Orientiert ihr euch bewusst an Ländern wie den USA oder China? Wie siehst du die Länder in Afrika südlich der Sahelzone?

Wir versuchen natürlich einen globalen Blick für digital-soziale Innovationen zu entwickeln. Das ist nicht immer so einfach, weil natürlich nicht alles online so gut dokumentiert ist, wie beispielsweise in den USA oder in Europa. Deshalb machen wir regelmäßige Forschungsreisen. Mit dem lab around the world haben wir bereits in Afrika und Asien geforscht. Zum Beispiel in Kenia, Tansania, Indonesien und Indien.

Wenn du die digital-sozialen Trends in Deutschland mit denen in anderen Ländern vergleichst: Wo stehen wir da? Hinken wir hinterher? Oder sind wir womöglich nur Spezialisten für Datenschutz?

Wir wünschen uns in Deutschland mehr Mut digitale Innovationen auszuprobieren. Es gibt bisher nur wenige soziale Organisationen, die die Digitalisierung optimal für sich nutzen oder ihr optimistisch entgegensehen. Für viele kleine NGO ist da noch viel drin. Eine Organisation, die besonders viele digitale Tools intelligent für sich nutzt ist zum Beispiel Viva con Agua.

Wie bewertest du den Einsatz von Drohnen, um Menschen in ärmeren Ländern Gutes zu tun?

Drohnen können, richtig eingesetzt, zum Beispiel bei Naturkatastrophen eine wichtige Rolle spielen. Mit ihnen kann man schnell evaluieren, welche Gebiete betroffen sind, und was die Menschen dort benötigen. Ich habe auch schon von Drohnen in der medizinischen Versorgung von entlegenen Gebieten gelesen.

In welchen Situationen stößt „Online“ deiner Meinung nach an seine Grenzen?

Wenn man es als einziges Instrument zur Mobilisierung von Menschen versteht, dann ist es nicht ausreichend. Es kommt auf die Verzahnung von digitalen und analogen Mitteln an.

Bist du, was den aktuellen Stand der Digitalisierung angeht, aktuell eher verwirrt oder glücklich?

Keine Ahnung, das heißt vermutlich verwirrt :) Oder?

Interview mit Michel Penke

bild1Wer seid ihr und was macht ihr?

Wir, das sind Daniela Späth und Michel Penke. Daniela hat ihr Volontariat bei der Deutschen Welle gemacht. Ich habe gerade die Deutschen Journalistenschule in München abgeschlossen und arbeite nun als freier Journalist. Zusammen sind wir Bleiwüsten. Ein junger, sehr junger Blog über digitales Storytelling und Programme, die die Arbeit von Journalisten erleichtern können.

Wie habt ihr zueinander gefunden?

Wir haben beide ein Praktikum beim ZDF-Studio in Johannesburg gemacht. Daniela im Juli und August 2014, ich sollte ihr Nachfolger werden. Eigentlich wären wir uns nie über den Weg gelaufen. Doch weil in Sierra Leone, Liberia und Guinea Ebola grassierte und nun auch das große Nigeria bedroht schien, hatte jemand beim ZDF in Mainz entschieden, da müssen wir vielleicht doch hin. Schickt doch mal den Korrespondenten. Der eigentlich zuständige Nairobi-Korrespondent Jörg-Hendrik Brase war aber im Urlaub. Also musste Timm Kröger aus Johannesburg ran. Er rief mich an, ich solle früher kommen, weil er die erste Zeit meines Praktikums im fernen Nigeria sein würde. Deswegen haben sich unsere Praktika um ein paar Stunden überschnitten. Zeit genug, um festzustellen, dass wir uns für das Gleiche begeistern. Als mein Praktikum vorbei war, schrieb ich Daniela, die gerade in Washington war, eine Mail und fragte, ob sie Lust auf einen Blog hat. Sie sagte ja. Bis heute haben wir uns analog nur ein paar Stunden gesehen. Digital quatschen wir jeden Tag.

Was hat es mit Bleiwüsten auf sich? Wie seid ihr auf den Namen gekommen?

Bleiwüsten ist ein Begriff, der von den Schriftsetzern erfunden wurde. Also jenen, die noch die Bleibuchstaben zusammengepuzzelt haben, um Zeitungen zu drucken. Eine Bleiwüste ist eine Zeitungsseite oder mittlerweile auch eine Webseite, die durch schlechtes Layout und fehlende Bilder nur unter Qualen zu lesen ist.
Die schillerndste Geschichte kann durch ein liebloses Design viel von ihrer Schönheit einbüßen. Genau darum geht es bei unserem Blog. Geschichten durch digitale Mittel für die Leser intuitiver und emotionaler zu erzählen. Auf dass die digitalen Bleiwüsten wieder ergrünen. Daneben beschäftigen wir uns auch noch mit Programmen, die Journalisten den Alltag erleichtern: Schnitt und Bildbearbeitung, Arbeitsorganisation, Recherche.


Euer Blog richtet sich an Journalisten und Blogger. Warum brauchen Journalisten
Nachhilfe?

Nachhilfe klingt oberlehrerhaft. Sagen wir, wir wollen unsere Kollegen dazu ermutigen, mehr aus ihren Geschichten zu machen. Denn noch immer meinen viele von uns, dass sie ihre Arbeit getan hätten, wenn sie einen Text fertig geschrieben haben. Doch bei jeder Story, die sich Menschen jemals erzählt haben, war die Form Teil des Inhalts. Egal, ob vor Jahrtausenden der Geschichtenerzähler am Lagerfeuer an der spannenden Stelle die Stimme hob, um alle Aufmerksamkeit zu bündeln, oder wir heute den tragischen Tod von Bergsteigern anhand verschachtelter Text- und Bewegtbildblöcke erzählen. Die New York Times hat mit ihrer berühmten Web-Reportage Snow Fall schon vor Jahren gezeigt, was möglich ist. Überhaupt scheinen es Berge der New York Times angetan zu haben. Vor Kurzem gab es da eine Geschichte über den El Capitan in Kalifornien. Großes Kino.

Sollte der Umgang mit Apps und Programmen nicht Teil der Ausbildung von Journalisten sein?

Es wäre jetzt sehr leicht, ja zu sagen. Aber die Ausbildung – wie sie beispielsweise an der DJS geschieht – ist so eng gestrickt, da gibt es kaum noch Platz für Zusätzliches. Und was bringt es, sich in der Ausbildung einmal kurz damit zu beschäftigten? Nein, es sollte nicht Teil der Ausbildung sein. Es sollte Teil des Jobs sein. Wer seine Geschichte so gut wie möglich erzählen will, muss sich immer wieder informieren. Immer wieder lernen, was möglich ist.


Es gibt immer noch angehende Journalisten, die nicht im Netz zu finden sind. Woran könnte das liegen?

Wenn ein Journalist mit jahrzehntelanger Fronterfahrung nicht mehr den Schritt ins Netz wagt, dann verstehe ich das. Für Jungjournalisten ist es absurd. Nicht, weil es ökonomisch unklug ist, von etwaigen Auftraggebern nicht gefunden zu werden. Das ist es gewiss.
Sondern, weil man sich dem wahrscheinlich vitalsten Feld des modernen Journalismus verschließt, wenn man seine Geschichten nicht online erzählt. Es ist, als würde ich beschließen, Reportagen nur noch mit Wörtern zu schreiben, die kein „t“ enthalten. Unsinnige Beschränkung.


Aus welcher Motivation heraus ist euer Blog entstanden? Warum macht ihr das eigentlich?

Uns treiben drei Dinge an. Die wichtigste Motivation ist natürlich, dass wir uns für das Thema interessieren und Spaß dabei haben. Aber es wäre unehrlich, zu sagen, wir hätten keine Pläne mit dem Blog. Eines nicht allzu fernen Tages wollen wir Seminare für Journalisten zu unseren Bloginhalten anbieten. Wie erzähle ich meine Storys als Multimedia-Geschichte? Und das, ohne gleich Tausende von Euros in die Hand zu nehmen. Wie arbeite ich als Journalist mit Hilfe von Programmen effizienter?
Auf dem Blog werden in Zukunft vielleicht auch ein paar Zusatzinhalte kostenpflichtig angeboten werden. Ähnlich wie Richard Gutjahr das derzeit mit LaterPay macht. Da schaue ich derzeit ganz genau zu und versuche von ihm zu lernen. Doch dafür müssen der Blog und seine Reichweite noch wachsen. Wir sind ja derzeit gerade einmal zwei Monate dabei. Also echte Küken.
Außerdem wäre es natürlich schön, von Auftraggebern eines Tages zu hören: „Sind Sie nicht der von Bleiwüsten? Ja, von Ihnen hätten wir gerne eine Geschichte. Und gerne auch mit diesem Multi-Media-Dingens.“ Der Blog ist natürlich auch eine Art, sich als junger Journalist zu profilieren.

Welche Tools und Techniken sollten wir eurer Meinung nach dringend ausprobieren?

Das ist Betriebsgeheimnis! Aber um genau das zu erfahren, gibt es ja unseren Blog. Nur so viel; wer sich für Datenjournalismus interessiert, sollte bald mal bei uns vorbeischauen. Da ist etwas im Busch. Und auch längere Erzählformen sind geplant. Also: Wie baue ich eine Web-Reportage von vorne bis hinten?

Seid ihr, was den Stand der Digitalisierung angeht, aktuell eher verwirrt oder glücklich?

Zum Glücklichsein fehlt uns im Augenblick wohl die Zeit. Vielleicht gibt es in ein paar Monaten mal ein kleines Zeitfenster, um – angesichts der neuen Möglichkeiten – kurz zu juchzen.
Wenn ich morgens meine Listen bei Twitter durchstöbere, um nach neuen Programmen und Apps zu suchen und nach zehn Minuten schon drei neue Ideen für Blog-Artikel habe, dann ist das verwirrend. Jeden Tag etwas Neues. In diesem Sinne bin ich verwirrt. Verwirrt, wie ein kleiner Junge, der in seinem Leben nur Schwarz und Weiß zum Malen hatte und plötzlich in einem impressionistischen Atelier steht. All die Farben! All die Möglichkeiten!