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Interview mit Stefan Plöchinger

Plöchinger_Stefan

Du bist Digitalchef bei der Süddeutschen Zeitung, die bereits früh ihre Kommentarfunktion unter den Artikeln abgeschafft hat. Welche Begründung gab es für diese Entscheidung?

Die öffentliche Debatte zu moderieren ist ein Kern des journalistischen Jobs. Sie anzuheizen darf uns nicht passieren. Das war unser Kalkül bei SZ.de, als wir vor zweieinhalb Jahren beschlossen haben, die Diskussionen unter unseren Artikeln durch einige wenige, gut moderierte Foren zu ersetzen. Das war ein Schritt gegen die selbst ernannten Ketzer, die vorher dort versucht haben, die Debatten zu bestimmen, und die immer schwieriger in den Griff zu bekommen waren.

Die Diskussionskultur wird so auf Social Media verschoben. Ist das wirklich ein effektives Mittel, um Hass im Netz zu verringern?

Es ist ja nicht so, als würde bei uns nicht mehr diskutiert – http://www.sueddeutsche.de/thema/Ihr_Forum –, und ich bezweifle auch, dass wir die entscheidende Macht sind, um den Debatten auf Facebook und Twitter zu einem Boom zu verhelfen. Das schaffen Facebook und Twitter schon selbst. Die Leute sind da längst und kommentieren, und sie kommentieren dort mit allen bekannten Auswüchsen, die mir nicht gefallen. Mein Eindruck ist nicht, dass Facebook effektiv daran arbeitet, gegen Hass und Hetze anzukommen. Das allerdings ist ein Problem, das vor allem Facebook und die Nutzer dort aktiv angehen müssen.

Gab es nie die Überlegung, die Kommentarfunktion wieder zu aktivieren?

Sie ist nicht deaktiviert. Wir haben die Entscheidung, uns auf weniger Themen pro Tag zu konzentrieren, nie bereut. Es ist ehrlicher und im Wortsinn schlauer, gut moderierte Debatten zu pflegen, statt den neben vielen klugen Nutzern immer präsenten Hetzern hinterherzulaufen und so ja auch keine gute Diskussion für alle Beteiligten zu erzeugen.

Bei anderen Zeitungen ist diese Funktion noch uneingeschränkt aktiv. Kritisierst du das oder guckst du nicht in den Garten der anderen?

Wir sind ein freies Land, wieso sollte ich andere dafür kritisieren, dass sie anderes versuchen? Ich lese auf allen Nachrichtenseiten viel schlecht Moderiertes, das ich als Unsinn bezeichnen würde, teils auch Fehlerhaftes, öfter auch Agitatorisches – aber diese Nachrichtenseiten haben sich eben entschieden, auch derlei Wortmeldungen zu tolerieren, oder schaffen es von ihrer Ausstattung her nicht besser, die Sache in den Griff zu kriegen. Die Kollegen wissen sicher besser als ich, ob das bei ihren Lesern ähnlich gemischte Reaktionen wie bei mir persönlich auslöst, oder ob es doch zu viel Reichweite bringt.

Welche Möglichkeiten haben Medienhäuser, um die LeserInnen vor Hass und Wut zu schützen?

Viele: wegmoderieren, anschreiben, verbannen … Sie haben vor allem die Pflicht dazu. Ich fände es unverantwortlich, wenn sie Hetzer ungefiltert auf das Massenpublikum etablierter Medientitel losließen, was zum Glück nur noch bei wenigen großen regelmäßig passiert.

Verstärken die sozialen Medien Hass oder Mitgefühl? Oder macht das Netz Hass oder Mitgefühl nur deutlicher spürbar?

Soziale Medien belohnen und verstärken damit emotionale Äußerungen jeder Art. Das »Like« und seine neuen Emotionsbrüder auf Facebook sind genau das: Gefühlsäußerungen, die man noch dazu impulsiv mit einem Klick in die Welt rausjagen kann. Technisch gesehen, machen die sozialen Medien damit Gefühlsimpulse erstmals überhaupt digital spür- und messbar. Dadurch, dass Algorithmen diese Impulse auswerten und anhand der Impulse die Prominenz von Meldungen in Streams festlegen, bekommen die schnell geäußerten Emotionen bei jenen Menschen mehr Einfluss auf die Informations- und Meinungsbildung, die soziale Medien stark nutzen.

Wie schätzt du die Macht der Algorithmen bei unserer Kommunikation ein?

Sie ist enorm gewachsen. Facebook ist für viele Menschen eine Informationsplattform geworden, Google ein Eintrittstor ins Internet, durch das man die digitale Welt entdeckt, und beide sind komplett algorithmisch gesteuert. Auf beiden verbringen viele Menschen sehr viel Zeit, nach allem, was wir wissen, mehr Zeit als in den Apps oder auf den Homepages klassischer Medienmarken.

Gibt es Momente, in denen du wegen des rauen Tons, der im Netz manchmal herrscht, ungern vernetzt bist?

Nein. Journalisten neigen ja eh zum Zynismus, was nicht gut ist und womit ich persönlich umzugehen versuche, indem ich meinen Zynismus gezielt einsetze. Zum Beispiel, um mit Hass und Hetze im Netz umzugehen.

Siehst du Felder, auf denen uns das Netz empathischer macht? Gibt es Strategien, welche die Empathie im Netz fördern könnten?

Emotionalität im Netz richtet sich ja nicht in nur ins Negative. Facebook belohnt ja ausdrücklich zuallererst positive Gefühle, indem es den »Like« nach oben stellt – und gerade empathische Geschichten machen es sehr leicht, »Gefällt mir« zu drücken. Manche Medien haben die Empathie deshalb als journalistisches oder Geschäftsmodell entdeckt, Stichwort Upworthy. Mir ist das oft etwas zu verkopft und publizistisch-taktisch. Ich sehe es nicht als unseren Job, Empathie für irgendwas oder irgendwen zu fördern. Unser Maßstab ist das Weltgeschehen, wie mutmachend oder verzweifelnd es sich auch auszuformen vermag.

Info: Dieses Interview ist Teil einer Reihe von insgesamt 15 Interviews und wurde im Rahmen eines Buchprojektes geführt.

Interview mit Jörn Erkau

Jörk ErkauWer bist du und was machst du?

Jörn Erkau, General Manager Sennheiser Streaming Technologies. Meine Kollegen und ich kümmern uns um die Entwicklung von Besucherinformationssystemen für Smartphones und andere mobile Endgeräte.

Wie ist die Idee zu dem Projekt „Culture Inclusive“ entstanden?

Ich betreue seit ca. acht Jahren u.a. inklusive Veranstaltungen im kulturellen Umfeld und beim Sport. Mein persönliches Aha-Erlebnis war die Ausrichtung einer Sportveranstaltung mit der Übertragung von Audiodeskription für blinde Menschen, die mit einem erheblichen technischen und finanziellen Aufwand verbunden war. Es kamen letztendlich fünf Besucher, für die dieses Angebot relevant war. Da wurde mir klar, dass mit einer entsprechend guten Kommunikation viel mehr Menschen mitbekommen hätten, dass es eine für ihre Bedürfnisse ausgerichtete Veranstaltung gibt.

Bei der Entwicklung von neuen Besucherinformationssystemen war uns klar, dass jetzt die Zeit für eine entsprechende Plattform gekommen ist. Die Studie, die wir anschließend mit EMNID durchgeführt haben, hat uns in unserer Vermutung bestätigt. Viele Menschen nehmen nicht mehr an Kulturveranstaltungen teil, weil sie nicht sehen oder verstehen können, was auf der Bühne oder Leinwand passiert. Zudem ist ihnen auch nicht bekannt, welche technischen Hilfsmittel es heutzutage gibt und an welchen Spielstätten diese zur Verfügung stehen.

Was ist das Besondere an dem Portal?

Es ist das erste Portal, das in dieser Form in Deutschland existiert. Gestaltet nach den Prinzipien des „Universal Design“ ist es nutzbar für alle Zielgruppen und ansprechend im Design. Hinzu kommt der Anspruch des „responsive Design“, d.h. es funktioniert gleichermaßen gut auf dem Desktop Rechner, dem Smartphone oder Tablet.

Für welche Städte wird das Angebot gelten?

Das Angebot gilt deutschlandweit. Als global operierendes Unternehmen können wir uns gut vorstellen, das Portal auch in anderen Ländern an den Start zu bringen. In Frankreich, beispielsweise, ist der barrierefreie Zugang zu Spielstätten ab 2018 Pflicht. Hier wäre ein Portal wie Culture Inclusive eine sinnvolle und wichtige Institution. Wir müssen aber erst einmal ausreichend Erfahrungen in Deutschland sammeln, bevor wir an ein internationales Angebot denken können.

Welche Rolle spielen die digitalen Medien bei der Bekanntmachung der Plattform?

Natürlich spielen die digitalen Medien eine äußerst zentrale Rolle in diesem Prozess. Zum einen finden viele unserer Anwendungen auf dem Smartphone statt. Zum anderen sind die digitalen Medien der Dreh- und Angelpunkt in unserer Gesellschaft. Blinde Menschen, zum Beispiel, sind intensive Smartphone-Nutzer, da sie so einen schnellen und unkomplizierten Zugriff auf die für sie relevanten Informationen haben. Für eine gute Kommunikation sind Facebook, Twitter und Co. ein Muss.

Welche Bedeutung hat „Kultur“ in unserer digitalen Gesellschaft?

Kultur ist und war ein gesellschaftlich relevantes Thema – in unserer digitalisierten Welt mehr denn je. Themen und Nachrichten, auch kultureller Art, können viel breiter und vielfältiger gestreut werden als früher und dadurch eine hohe Aufmerksamkeit generieren. Das birgt Chancen, aber auch Gefahren. Zum Beispiel, dass nicht die gesamte Gesellschaft daran teilhaben kann. Daher ist es heutzutage umso wichtiger, dass jeder einen Zugang zu Kulturangeboten hat und diese auch wahrnehmen kann – ggf. mithilfe technischer Hilfsmittel wie Hörunterstützung.

Bist du, was den Stand der Digitalisierung angeht, aktuell eher verwirrt oder glücklich?

Ich bin sehr glücklich. Natürlich bringt die Digitalisierung auch Risiken mit sich. Aber vorrangig sind wir gefragt, das Beste daraus zu machen. Der Zugang zu Informationen ist wesentlich einfacher geworden. Technologie kann Menschen Unabhängigkeit bescheren, wie im Falle von Menschen mit Sinneseinschränkungen den Zugang zu kulturellen Veranstaltungen.