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Interview mit Sabria David

Sabria DavidWer bist du und was machst du?

Sabria David, Medienforscherin, Expertin für digitalen Wandel und Mitgründerin des Slow Media Instituts.

Wir wissen aufgrund unserer Sozialisation, wie man sich beim Tod von Freunden oder Verwandten verhält, aber nicht, wie man im Netz mit einer Vielzahl von Opfern aufgrund einer Katastrophe oder eines Terroranschlags umgehen sollte. Woran könnte das liegen?

Das liegt daran, dass die digitalen Entwicklungen noch relativ neu sind; für alle Bereiche müssen die Regeln völlig neu ausgehandelt werden. Dazu gehört auch die Kulturtechnik, die Art und Weise, wie wir uns im digitalen Raum bewegen und handeln. Wir befinden uns mitten in einem Transformationsprozess.

Brauchen wir beim Surfen im Netz eine „Kindersicherung“ für uns?

Wir brauchen eine hohe Souveränität, Verantwortung und Mediennutzungskompetenz. Und die Fähigkeit, sich auch mal entziehen zu können. Vielleicht kann man es aber auch so ausdrücken: Der Erwachsene in uns sollte dem Kind in uns eine Orientierung geben.

Es scheint einfacher, sich durch Partnerschafts-Apps im Internet zu verlieben, als in der realen Welt. Auf der anderen Seite klappt das mit dem Ent-lieben im Netz weniger gut. Woran könnte das liegen?

Ist es leichter, sich durch Partnerschafts-Apps zu verlieben? Man kann mehr Menschen im Netz begegnen, aber ob das mit dem Verlieben leichter klappt, weiß ich nicht… Was natürlich stimmt: Man kann sich im echten Leben leichter aus dem Weg gehen, als in der digitalen Welt.

Unsere sozialen Umgangsformen müssen auf den digitalen Raum angepasst werden.

Es scheint so, als bräuchten wir Hilfe, wie wir in Zukunft mit dem Internet und seinen Informationen leben möchten. Wer oder was könnte in dieser Situation Hilfestellung leisten?

Das Ziel unseres Instituts ist es, die Menschen und die Gesellschaft dabei zu unterstützen, mit dem digitalen Wandel umzugehen. Ein großes Thema ist der digitale Arbeitsschutz, wie wir im Arbeitskontext produktiv und vernünftig mit dem Fortschritt umgehen können. Tatsächlich brauchen wir auf dem Weg in eine digitale Gesellschaft so etwas wie „Fortschrittskompetenz“. Wir haben aktuell eine repräsentative Studie mit 2500 Teilnehmern durchgeführt, bei der wir die Haltung und Lebensformen der Menschen untersucht haben. Das hilft dabei, Mediennutzungsverantwortung und post-digitale Kulturtechniken zu entwickeln, .

In der Studie haben wir herausgefunden, dass 92 % der Menschen den Wunsch haben, sich zu fokussieren. (Dabei leben wir in einer Welt, die von wenig Konzentration und Innehalten geprägt ist.) Durch die Studie können wir die Menschen in Mediennutzungstypen einteilen: Menschen, die regelmäßig eine Sonntagszeitung lesen, sind gleichzeitig auch aktive Online-Nutzer, um ein Beispiel zu nennen.

Durch die Digitalisierung bekommen die Begriffe „Öffentlich“ und „Privat“ eine ganz neue Bedeutung. Privatheit, gibt es das heutzutage überhaupt noch?

Privatheit wird es immer geben. Was als privat verstanden wird, verändert sich durch die Digitalisierung jedoch sehr deutlich. Private Telefonate im Zug hätte man früher immer als „privat“ definiert.

Wie werden wir in 20 Jahren miteinander kommunizieren? Privat oder öffentlich?

Wir werden auf jeden Fall miteinander kommunizieren, weil es das Grundbedürfnis des Menschen ist, sich auszutauschen. Privat und Öffentlich war früher an einen festen Ort gebunden, mit den digitalen Medien funktioniert das so nicht mehr. Wir müssen daher neue Formen der Privatheit entwickeln.

Bist du, was den aktuellen Stand der Digitalisierung angeht, aktuell eher verwirrt oder glücklich?

Ich bin voller pragmatischem Idealismus. Eine Mischung aus zufrieden und wachsam.