Interview mit Anne Wizorek

Anne WizorekDu bist Feministin und hast den Hashtag #Aufschrei ins Leben gerufen. Was hat sich seit der Aktion in unserer digitalen Gesellschaft verändert?

Ich glaube mehr, als die Leute auf den ersten Blick sehen. Es ist immer ein größerer Anspruch da, als eine Hashtag-Aktion im Einzelnen erledigen kann. Andererseits hat #Aufschrei erst einmal in Deutschland dazu geführt, dass viel mehr Leute verstanden haben, was Twitter für ein Medium ist, welches Potenzial es gerade auch für Aktivismus hat, und dass es darüber hinausgeht, Bilder von seinem Frühstück zu posten. Und es hat auch dazu geführt, dass seitdem Medien auch eher andere Hashtag-Aktionen aufgreifen. Aktionen wie #SchauHin zum Thema Alltagsrassismus, #NotJustSad, wo es um Depressionen ging, oder auch um andere aktuelle Debatten in Schwung zu bringen. Das wurde durch #Aufschrei nachhaltig noch einmal gefördert. Und das ist eine sehr positive Entwicklung.

Bei #Aufschrei speziell war es natürlich wie bei jeder Awareness-Aktion, obwohl diese nicht als solche geplant war, sondern aus der Situation heraus entstanden ist. Das Resultat war, dass sich Betroffene ausdrücken und verstehen konnten, sie sind nicht alleine. Dass sie Anspruch auf Hilfe haben und nicht die Schuld bei sich selbst suchen müssen. Und dass natürlich auch eine Sensibilisierung für diese Form von Diskriminierung stattfindet, die es immer noch gibt. Viele tun so, als ob wir Sexismus nicht mehr als Problem hätten, weil wir mit Angela Merkel eine Frau als Kanzlerin haben. Auf der anderen Seite hat #Aufschrei noch einmal sichtbar gemacht, wie Diskriminierung im Netz durch Hasskommentare funktioniert. Sie zielt gerade darauf, Leute wieder zum Schweigen zu bringen und diese aus dem Netz zu verdrängen.

Werden Frauen im Netz härter angegangen als Männer?

Für den deutschen Sprachraum gibt es leider noch nicht genug Datenmaterial, aber wenn man sich an dem amerikanischen orientiert, wird deutlich, dass Frauen und Männer ungefähr im selben Ausmaß von Hasskommentaren betroffen sind. Aber die Form, in welcher dies passiert, ist bei Frauen drastischer. Während Männer eher beschimpft werden, werden Frauen konkret bedroht, und das auch meist sexualisiert, also geschlechtsspezifisch. Das gilt vor allem für junge Frauen.

Wenn dann zum Beispiel noch andere Diskriminierungsformen wie Rassismus und Islamfeindlichkeit hinzukommen, weil die Frau vielleicht Hidschab trägt und dies auf dem Profilfoto erkennbar ist, führt dies oft nochmals zu einer Potenzierung von solchen Angriffen.

Wie schützt du dich selbst mittlerweile vor Hass im Netz?

Aktuell habe ich wieder mit einer krassen Welle zu tun. Aber allgemein schütze ich mich bei Twitter darüber, dass mein bester Freund meinen Account filtert. Das heißt, dass ich nur die konstruktiven und positiven Sachen sehe. Am Ende kann und möchte ich nicht auf diese Werkzeuge verzichten.

Mein E-Mail-Postfach wird ebenfalls von meinem Freund gefiltert. Das heißt, dass ich auch dort nur die konstruktiven Sachen weitergeleitet bekomme. Es ist dennoch wichtig, dass jemand aus meinem Umfeld in Kenntnis gesetzt wird, falls eine ernst zu nehmende Drohung dabei ist, damit man notfalls rechtliche Schritte einleiten kann. Dies auf dem Schirm zu haben und nicht komplett auszublenden ist leider notwendig. Im Zweifelsfall bedeutet es, dass jemand mit Gewalt droht und ankündigt, bei einer Veranstaltung von mir vor Ort zu sein, und dann muss ich mich mit dem Risiko auseinandersetzen.

Es wäre übertrieben zu sagen, dass den ganzen Tag nur solche Sachen reinballern, das ist phasenweise mitunter so, aber auch danach ist es nie ganz weg. Ich bezeichne das immer als Grundrauschen meines Alltags. Alleine die Tatsache, ständig mit Hasskommentaren rechnen zu müssen, gerade auch in Momenten, in denen man sich nicht so gut fühlt, belastet extrem. Und selbst wenn man schon abgehärteter ist – ich bin schon abgehärteter als andere Leute, die mit dem Netz zu tun haben –, arbeiten diese Kommentare in uns weiter. Das ist auch psychologisch belegt. Deshalb sollte das jeder Mensch, der damit konfrontiert ist, nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ein Filtersystem ist gerade für mich die beste Möglichkeit, um das Netz weiter als Werkzeug und für meine Arbeit nutzen zu können, ohne mich komplett rausziehen zu müssen.

Welche Tipps kannst du Frauen geben, die sich wegen sexistischer Kommentare aus dem Netz zurückziehen?

Ich möchte betonen, dass das meine individuelle Lösung ist. Ich sage nicht, dass dies für alle anderen auch funktioniert. Ich kenne genug Leute, die sich aus einem Kontrollverlust-Gefühl nicht vorstellen könnten, ihren Account abzugeben. Das muss man auch total respektieren.

Nichtsdestotrotz gibt es ein paar Basics, etwa, dass gerade Frauen – oder überhaupt marginalisierte Menschen – gucken sollten, dass sie auf ihrem Blog einen Weg finden, die Impressumpflicht zu umgehen. Das ist leider ein bisschen tricky, denn diese Impressumpflicht ist gesetzlich festgelegt. Bei der Entscheidung für eine Impressumpflicht wurde eben nicht über das Worst-Case-Szenario durch Hassattacken nachgedacht.

Es ist auch wichtig, Back Channels zu entwickeln. Ob das eine Mailingliste ist oder geschlossene Twitter-Accounts, die miteinander vernetzt sind, oder ein Slack Channel. Es ist ratsam, dass man sich mit anderen Betroffenen austauscht oder Leute hat, die notfalls mithelfen können, Accounts zu reporten, die aber auch genauso gut mit dem niedlichen Katzen-GIF gegensteuern können, um dir ein bisschen Ausgleich zu verschaffen. Manchmal hilft es auch einfach, das Ganze ins Absurde zu bringen. Es gibt unterschiedliche Strategien. Back Channels oder zumindest Netzwerke, in denen man sich im Zweifelsfall recht schnell austauschen kann, damit man das nicht so lange alleine mit sich rumträgt, ist schon das Wichtigste, was ich empfehlen würde.

Verstärken die sozialen Medien Hass oder Mitgefühl? Oder macht das Netz Hass oder Mitgefühl nur deutlicher spürbar?

Ich würde sagen, beides. Es ist sehr symptomatisch, dass Menschen auf Facebook, wo durchaus viele mit dem Klarnamen unterwegs sind, Hasskommentare posten. Und es wird ganz klar ersichtlich, dass sie sich im Recht fühlen, dies zu tun. Das ist einerseits ein Reality-Check, den ich sehe, aber natürlich haben wir auch Dynamiken wie den Echokammer-Effekt: Dass eben Leute in ihrer Echokammer nur noch mit Quellen in Kontakt kommen, die ihre Weltansicht bestätigen. Also zum Beispiel Pegida, bei denen man mit echten Fakten kaum noch reinkommt.

Wir reagieren oft auch aggressiver, als es notwendig wäre, weil unsere Kommunikation im Netz textbasiert ist und Mimik, Gestik und Tonfall in der Auseinandersetzung mit anderen Leuten fehlen. Das soll keine Hasskommentare entschuldigen, aber gerade bei Empörungszyklen überschreiten dann auch mal Leute, die vielleicht zu Recht etwas kritisieren, eine Linie, indem sie den richtigen Ton vermissen lassen. Wenn ich zum Beispiel ein sexistisches Produkt kritisiere, muss ich nicht anfangen, Leute zu beschimpfen.

Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, was sich in solchen Momenten in ihrem Hirn abspielt. An dieser Stelle ist auch wieder Medienkompetenz gefragt: um mit Stresssituationen vor dem Bildschirm besser umgehen zu können und um zu verstehen, warum ich gerade so aufgebracht bin. Vielleicht würde ich nach einem Durchatmen bereits merken, dass ich gerade dabei bin, mich im Ton zu vergreifen und andere zu beleidigen.

Wie schätzt du die Macht der Algorithmen bei unserer Kommunikation ein?

Bei Facebook sind die Algorithmen bisher am stärksten zum Einsatz gekommen. Das spielt schon eine Rolle bei unserer Kommunikation. Ich glaube, dass es auch eine Frage von Medienkompetenz ist, damit bewusst umzugehen. Es ist durchaus menschlich, dass sich Menschen eher mit Gleichgesinnten zusammenzutun als mit Menschen, zu denen eine gewisse Distanz besteht. Aber das ändert natürlich nichts an der Notwendigkeit, sich bei einer Debatte auch mit anderen Positionen zu beschäftigen und nicht immer nur den eigenen Confirmation Bias zu füttern, sondern eben auch noch andere Perspektiven zuzulassen. Es ist problematisch, wenn Algorithmen dazu führen, das eigene »gefestigte« Weltbild nur weiter zu zementieren.

Gibt es Momente, in denen du wegen des rauen Tons, der im Netz manchmal herrscht, ungern vernetzt bist?

Ja. Gerade als die Aufschrei-Aktion eine große mediale Aufmerksamkeit bekommen hat, war es sehr krass festzustellen, auf wie vielen Ebenen ich im Netz erreichbar bin. Das ist einerseits etwas Positives, gerade weil ich mich mit anderen Menschen zu diesen Themen austauschen möchte. Andererseits bin ich aber auch schnell erreichbar für Menschen, die sich dort einfach mal komplett über mich auskotzen möchten, und das ist noch die nett formulierte Variante. Ich fasse das immer mit dem Satz zusammen: Das Netz kann halt auch nur so gut sein wie die Menschen, die es benutzen. Es gibt Technologien, die eine Rolle spielen, insgesamt ist es aber auch immer noch ein Abbild dessen, wie bestimmte Menschen eh schon ticken.

Siehst du Felder, auf denen uns das Netz empathischer macht? Gibt es Strategien, welche die Empathie im Netz fördern könnten?

Ja, ich glaube schon. Gerade um all die Themen rund um soziale Gerechtigkeit in der Gesellschaft besser zu verstehen. Ich bin nicht von Rassismus betroffen, aber ich habe durch das Netz überall auf der Welt Zugang zu unterschiedlichen Positionen von Rassismusbetroffenen. Das heißt, dass ich mir das, neben der deutschen, auch im Kontext der amerikanischen, der britischen oder der französischen Debatte angucken kann. Wer das Privileg hat, nicht von Rassismus betroffen zu sein, kann dieses Problem theoretisch ausblenden. Aber das Potenzial, mit diesen Perspektiven übers Netz noch einmal Leute zu erreichen und auch zu aktivieren, um sich für eine gerechtere Gesellschaft zu engagieren, das ist definitiv da. Und dafür ist das Netz – gerade für mich als Aktivistin – natürlich unerlässlich.

Interessant ist, dass Menschen so gestrickt sind, dass sie schneller auf negative Impulse reagieren. Dass dies eher ein Potenzial ist, das aktiviert wird, als ein positiver Impuls. Was nicht heißen soll, dass Empörung per se ausgeschlossen oder reduziert werden sollte. Aber gerade für Menschen, die sich für eine gerechte Gesellschaft engagieren, die respektvoll mit allen ihren Mitgliedern umgeht, sollten wir uns anschauen, wie wir unsere Kraft gewichten. Natürlich kann ich mich über die neueste Fleischhauer-Kolumne empören, und ich weiß auch, dass mich die Auseinandersetzung darüber aufregen würde. Die Frage ist aber, ob mir dies überhaupt etwas bringt oder ob es nicht sinnvoller wäre, dafür drei tolle Projekte von Menschen zu teilen, um auf diese aufmerksam zu machen und so etwas Positives zu bewirken.

Ich glaube, dies ist etwas, womit wir bewusster mit unserem Medienkonsum, insbesondere aber eben auch im Netz, umgehen sollten. Auch wieder mehr Leuten zu sagen und zu zeigen: Das, was du machst, ist gut, und ich unterstütze dich. Das klingt total simpel, aber das ist etwas, was wir viel zu wenig tun. Und es kann auch, so wie wir es bei »Organisierte Liebe« versucht haben, ein Impuls reichen, um zu verdeutlichen, wohin wir wollen.

Am Ende ist meine Vorstellung von einem humanen Netz ja auch eines, in dem Fehler passieren, in dem Menschen aber auch daran wachsen dürfen und nicht sofort alle komplett fertiggemacht werden müssen. Das ist auch gerade für Menschen wichtig, die mit dem Netz aufwachsen. Es ist klar, dass ich mit Anfang 20 nicht so reflektiert über Dinge sprechen kann wie zehn Jahre später. Dies muss man in dem jeweiligen Kontext betrachten, und das muss das Netz auch erlauben. Ich finde es jedes Mal schade, wenn ich über Aktivismus im Netz spreche, denn ich möchte eigentlich nur von den tollen Dingen und den großen Potenzialen berichten, die es hat. Aber man muss ehrlicherweise auch darauf hinweisen, welche Risiken das Internet birgt. Wir dürfen uns aber auch nicht von dieser Angst beherrschen lassen. Das ist das Letzte, was ich möchte. Dann haben die Hater gewonnen. Und dies dürfen wir nicht zulassen.

Foto: Anne Koch

Info: Dieses Interview ist Teil einer Reihe von insgesamt 15 Interviews und wurde im Rahmen eines Buchprojektes geführt.