Interview mit Richard Gutjahr

168709_10150164547753219_8294342_nWer bist du und was machst du?

Wer ich bin, versuche ich immer noch herauszufinden – und was ich mache, ist mir selbst ein Rätsel. Ich tue mich auch schwer, meine Berufsbezeichnung in einem Fragebogen zu beantworten, weil es keine Bezeichnung dafür gibt: Wer ich bin und was ich mache.

Darf man auch zurückfragen bei euch?

Ja.

Wie würdet ihr mich denn beschreiben? Ihr habt ja sicher ein bisschen im Netz geguckt, was ich so mache.

(Pause) Wir würden sagen: Journalist (im Fernsehen und Netz), Medienpraktiker, Probiermensch, der neue Niggemeier?

Mein Problem ist ganz einfach, dass ich alles ausprobieren muss. Ich lese zwar viel, aber ich glaube erst was ich lese, wenn ich es ausprobiert habe. Deshalb schaue ich mir Dinge an. Das unterscheidet mich vielleicht von anderen, die auf Medienforen sprechen und das Gesagte nicht am eigenen Leib erfahren haben.

Dein aktueller Fang?

Worauf ich aktuell sehr stolz bin ist das Projekt lobbyplag.eu, das ich mit OpenDataCity ins Leben gerufen habe. Ich selbst kann nicht programmieren oder coden, daher gebührt der Ruhm alleine den Leuten wie Marko, Martin oder Sebastian, die Tag und Nacht für das Projekt programmiert haben. Das Konzept: Ein klassisch ausgebildeter Journalist, ein Programmierer, ein Jurist, die gemeinsam Journalismus anders angehen wollen, um dadurch vielleicht etwas Neues zu schaffen. Das finde ich großartig, und eröffnet mir neue Möglichkeiten, Journalismus anders zu denken.

Vor welcher Angel hast Du mehr Angst: Vor der Neugier kommerzieller Anbieter oder vor der Neugier staatlicher Stellen?

Definitiv habe ich mehr Angst vor der Neugier staatlicher Stellen – und das nicht erst seit Prism und den Enthüllungen der letzten Zeit. Facebook, Google und Co. verfügen nicht über einen Polizeiapparat oder eine Armee. Wenn mir einmal jemand Spam per Mail schickt, scheint es mir weitaus weniger gefährlich als das, was ein Staat mit Informationen machen kann. Wir Deutsche haben schon in der Geschichte zwei Mal zu spüren bekommen, was es bedeutet, wenn ein Staat zu viel Macht gegen den Bürger hat.

Was ist deiner Ansicht nach die Legitimation von Geheimdiensten? Gehören Geheimdienste abgeschafft?

Geheimdienste sind nicht per se schlecht – man muss ihnen aber auf die Finger schauen. Wenn das Kontroll-Gremium aus acht bis zehn Leuten besteht, halte ich dies für unakzeptabel. Unter dem Totschlagargument „Terrorismus“ haben sich die Geheimdienste scheinbar verselbständigt, man spricht von richterlichen Kontrollen, in Wahrheit wird alles durchgewunken, weil die Richter gar keine Zeit zum Prüfen haben. Insofern halte ich die Kontrolle der Polizeibehörden und Geheimdienste für das eigentliche Problem.

Ist die einzige Möglichkeit, um uns im digitalen Zeitalter zu schützen, Transparenz und Offenheit?

In der Tat halte ich es für einen faszinierenden Gedanken. Was macht Geheimdienste eigentlich so mächtig? Es sind die Geheimnisse. Möchte man den Geheimdiensten ihre Macht nehmen, dann ginge das erst dann, wenn es keine Geheimnisse mehr gibt. Ich überlege schon eine Weile, ob ich nicht einen Tag alles transparent machen sollte – und dies auf meinen Blog stelle: Mein Essen fotografiere, Gespräche mitschneide….einfach nur,  um zu schauen, wie das ist. Vielleicht mache ich das mal eine Woche lang.

Wie funktioniert für dich das gute Leben im Internet?

Ich denke im Internet gelten ähnliche Regeln wie im allgemeinen Leben. Ein bisschen Kant, einfach mal das Hirn einschalten, das wäre schon mal ein Anfang.

Was sind für dich die 5 Chancen der Digitalisierung – für Kreative und Journalisten?

Der direkte Austausch mit dem Publikum und anderen Publizisten, das direkte Feedback, die dadurch bessere Qualitätskontrolle der eigenen Arbeit, eine größere Unabhängigkeit von klassischen Geldgebern bzw. Gatekeepern und zum Schluss die nahezu unendlichen Möglichkeiten, Dinge neu zu denken und frei zu sein, von sämtlichen Zeilenvorgaben und Sendezeiten.

Sollten Kreative im Netz zu Unternehmern werden und wenn ja, wie machen sie das am schlauesten?

Wir sind dazu verdammt, unternehmerischer zu werden. Das Problem, das unsere Generation hat: Die alten Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr, die neuen funktionieren noch nicht – und wir sitzen zwischen den Stühlen und müssen uns überlegen, wie wir unsere Miete bezahlen sollen. Dies kann man als Bedrohung empfinden, man kann aber auch umgekehrt betrachten: Wann hatte jemals eine Generation die Möglichkeit, ihren Beruf selbst zu erfinden und nach ihren Talenten und Wünschen selbst auszugestalten?

Welchen Tipp würdest du als Profi einem Blogger-Anfänger an die Hand geben? Würdest du als Pate bereitstehen, wie Leander Wattig neulich ins Gespräch gebracht hat, Tipps und Kontakte weitergeben. An uns zum Beispiel?

Erster Tipp: Auf alle Fälle: Machen! Das sage ich jetzt zu uns allen, wir sitzen ja schließlich alle im gleichen Boot. Auch ich hatte keine Ahnung von WordPress und Finanzierungsmöglichkeiten im Netz, als ich es das erste Mal ausprobiert habe. Mentoren sind unglaublich wichtig. Die Idee, Blog-Paten zu schaffen, halte ich für grandios. Und ich würde mir dafür auch Zeit nehmen.

Bist du – was den Stand der digitalen Möglichkeiten angeht – verwirrt oder glücklich?

Ich glaube wir sind noch ganz am Anfang dieser Reise und ich will unbedingt wissen, wie es weitergeht.

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