Interview mit Antje Schrupp

Bild_Antje_SchruppWer bist du und was machst du?

Ich bin Politikwissenschaftlerin und Journalistin und beschäftige mich vor allem mit politischer Ideengeschichte von Frauen. Dazu schreibe ich Bücher, blogge und halte Vorträge, außerdem habe ich noch eine halbe Stelle als Redakteurin der Zeitung „Evangelisches Frankfurt“.

Dein aktueller Fang?

Kürzlich habe ich zusammen mit anderen ein „ABC des guten Lebens“ veröffentlicht, das es als Büchlein gibt, aber auch im Netz. Wir sind nämlich der Meinung, dass wir zum Nachdenken über das, was „gutes Leben“ bedeutet, auch neue Wörter brauchen oder die bestehenden Begriffe neu und anders als herkömmlich mit Inhalt füllen müssen.

Warum engagierst du dich im Netz?

Die Frauenbewegung hat schon immer weniger über feste Organisationen und ausformulierte Programme funktioniert, sondern vor allem über Beziehungen. Und das Internet trägt inzwischen dazu bei, dass sich immer mehr Aspekte des Politischen nicht mehr über Repräsentation organisieren, sondern über persönliche Kontakte. Von daher passt es natürlich sehr gut zu meiner bisherigen feministischen Praxis.

Wie funktioniert für dich das gute Leben im Internet?

Momentan gibt es noch eine gewisse Konfusion bei der Abgrenzung zwischen Privatem und Öffentlichem. Im Internet bewegt man sich in der Öffentlichkeit, weshalb man sich dort eigentlich nicht benehmen kann wie am Stammtisch oder beim Lästern im Freundinnenkreis. Weil das aber trotzdem viele tun, sind die Kommentarsektionen oft so desolat.
Für mich ist momentan die wichtigste Aufgabe in Punkto Weiterentwicklung des Internet, dass wir kulturelle Praktiken entwickeln, wie wir dieses Medium so nutzen können, dass unsere Debatten nicht in Verletzungen, Sackgassen und Rumpolemisieren abdriften, sondern zu wirklichem Erkenntnisgewinn führen, idealerweise auf allen Seiten.

Viele Frauen ziehen sich aus, zeigen ihren schönen Körper und nennen es Feminismus. Was bedeutet für dich Feminismus im Netz?

Ist das so? Dass sich viele junge Frauen ausziehen und ihren Körper präsentieren, das stimmt wohl, aber Feminismus nennen es doch eigentlich die wenigsten. Außer ihr spielt auf Femen an, aber die sind ja nur eine kleine Gruppe im Feminismus, und sie nutzen den Körper bewusst instrumentell. Ich bin von ihrem Vorgehen meistens nicht gerade begeistert, aber ich erkenne darin schon einen politischen Impuls, der über das reine Ausziehen hinausgeht.
Feminismus im Netz bedeutet für mich, die feministischen Debatten, die bisher oft unbeachtet von der Mainstream-Öffentlichkeit stattfanden, sichtbar und zugänglich zu machen. Das bedeutet einerseits, dass sich verschiedene feministische Strömungen, die teils auch konträr zueinander sind, kennenlernen und gegebenenfalls vernetzen oder sich immerhin auseinandersetzen. Zum anderen bedeutet es, dass auch Leute, die bisher keinen Zugang zur feministischen Szene haben, sich darüber informieren können und dafür nicht mehr auf die doch sehr oberflächlichen Darstellungen in den großen Medien angewiesen sind.

Wünschen sich Frauen eine andere Politik als Männer?

Nicht in dem Sinne, dass Frauen qua Biologie eine andere Auffassung von Politik haben als Männer, sehr wohl aber in dem Sinne, dass es Konflikte gibt. Die Ursache liegt darin, dass die gegenwärtigen politischen Formen ursprünglich nur von Männern für Männer entwickelt worden sind – Frauen wurden ja erst kürzlich „zugelassen“. Vielen Frauen gefallen diese Formen aber nicht, zum Beispiel finden sie es deutlich weniger attraktiv, sich um ein politisches Amt oder eine dieser „Führungspositionen“ zu bewerben.
Wir sollten keine Differenzen herbeireden, wo keine sind, aber da, wo sie sich zeigen, sollten wir Frauen nicht zur „Gleichstellung“ drängen, die ja immer bloß die Anpassung an eine männliche Norm ist. Stattdessen sollten wir diese Differenzen politisch bearbeiten, um vielleicht zu Lösungen zu kommen, die alle gut finden und die vielleicht auch besser für die Welt sind.

Böse Haie würden jetzt vielleicht fragen: Können Frauen überhaupt gute Netzwerker sein? Was erwiderst du an dieser Stelle?

Ich verstehe die Frage nicht, wieso sollten Frauen keine Netzwerker sein können? Beziehungsweise Netzwerkerinnen natürlich?

Weshalb tun sich Frauen so schwer, sich zu vernetzen? Männer können das viel besser. Fehlt uns ein bestimmtes Gen?

Ach so meint ihr das. Ja, die männliche Art des Netzwerkens ist oft sehr instrumentell und hat auch viel mit Selbstdarstellung zu tun. Vielen Frauen geht es hingegen mehr um Beziehungen, die die ganze Person umfassen. Deshalb haben sind sie manchmal wählerischer in Bezug auf Koalitionen und Bündnisse, bei denen nicht alles „passt“.
Wir sind aber momentan dabei, hier neue Formen zu entwickeln, die diesen überkommenen Dualismus überwinden, und ich glaube nicht, dass die Frauen dabei „schlechter“ sind. Zum Beispiel beobachte ich, dass sie Twitter oder Facebook sehr interessant nutzen, nämlich mit einer guten und selbstverständlichen Mischung aus Persönlich und Politisch. Viele Männer hingegen machen vor allem Werbung für ihre Projekte und verbinden das kaum mit ihrer Person und ihren subjektiven Erfahrungen. Auf mich wirkt das immer ein bisschen langweilig. Aber mit den Genen hat das natürlich nichts zu tun.

Andere Frage: Welche Chancen hat der Journalismus durch die Digitalisierung?

Die Chancen sind ja ganz offensichtlich: Die Kosten für die Verbreitung von Nachrichten und Informationen sind extrem gesunken, weshalb die ganze Kraft und Energie nun eigentlich in die Recherche, ins Nachdenken, ins Schreiben und verständliche Aufbereiten von Informationen gehen könnte. Außerdem können heute alle publizieren, die das wollen, und nicht nur die, die einen Zugang zu Redaktionen haben. Das wirkt sich natürlich extrem positiv auf die Verfügbarkeit von Informationen aus.
Leider haben wir aber Kapitalismus, was bedeutet, dass alles irgendwie verkauft werden muss, und dem steht die Digitalisierung natürlich konträr entgegen. Deshalb sind viele Medienfachleute, statt ihre Arbeit zu tun, heute vor allem damit beschäftigt, sich über Einnahmequellen Gedanken zu machen. Aber das ist kein Problem der Digitalisierung, sondern eines unseres Wirtschaftssystems.

Bist du – was den Stand der digitalen Möglichkeiten angeht – verwirrt oder glücklich?

„Sowohl als auch“, um einen wichtigen Begriff aus unserem „ABC des guten Lebens“ anzuführen ☺

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