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Interview mit Natalie Stark

Natalie Stark swDu arbeitest als Social Media Managerin bei betterplace.org. Was ist das Besondere an eurer Organisation?

betterplace.org ist Deutschlands größte Online-Spendenplattform und verbindet Menschen, die helfen wollen, mit Menschen und Organisationen, die Hilfe brauchen. Wir sind selbst gemeinnützig und für Spender und Organisationen kostenlos. Jede Spende kommt zu 100 Prozent beim jeweiligen Projektträger an. Ohne Abzug von Verwaltungskosten oder Sonstiges. Eine weitere Besonderheit ist, dass man für konkrete Bedarfe der Projekte spenden kann. Die Projektverantwortlichen geben genau an, wofür die Spenden eingesetzt werden: den Bau eines Waisenhauses, 30 warme Mahlzeiten für Obdachlose o. Ä., und berichten regelmäßig über die Fortschritte. Und natürlich darf auch der ganz besondere Teamspirit nicht vergessen werden: Rund 40 hochmotivierte, kompetente, hilfsbereite Menschen, die zusammen die Welt ein kleines bisschen besser machen.

Welche Möglichkeiten haben wir mit digitalen Medien, die Welt zu verändern?

Die Zeiten waren nie besser, um mit digitalen Medien die Welt zu verändern, und die Menschen sind offen und bereit dafür. Laut einer Studie von Teléfonica waren bereits 2013 81 Prozent der jungen Deutschen sicher, dass sie mit digitalen Medien wie zum Beispiel Online-Petitionen oder Crowdfunding die Welt verändern können. Unsere Forschungsabteilung, das betterplace lab, ist überzeugt: Die Digitalisierung kann die Welt verbessern. Dafür forscht und experimentiert das betterplace lab an der Schnittstelle zwischen Innovation und Gemeinwohl. Das lab-Team verbreitet Wissen, inspiriert durch Geschichten und kämpft dafür, dass die Digitalisierung positiv genutzt wird. Auf betterplace-lab.org erfährt man, welche Innovationen es gerade im digital-sozialen Sektor gibt. Hier findet man spannende Cases, wie zum Beispiel den der Plattform M-Farm in Kenia. Dort können sich Bauern unter anderem im Internet oder per SMS über die aktuellen Preise für ihr Getreide und Gemüse informieren, womit sie eine bessere Position gegenüber den Zwischenhändlern erlangen. M-Farm sorgt dafür, dass auch Bauern mit wenig Geld und Land unabhängiger von Zwischenhändlern und Getreidebanken werden können.

Welches Projekt/Phänomen im Internet hat dich nachhaltig bewegt und beeindruckt?

Im vorletzten Jahr (2015) konnte man quasi dabei zuschauen, wie die Digitalisierung den sozialen Sektor mit voller Wucht gepackt hat. Eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft ging für die Erdbebenopfer in Nepal und für Hunderttausende Flüchtlinge durch das Netz. Ein beeindruckendes Beispiel bei uns auf betterplace.org war die Aktion »Blogger für Flüchtlinge – Menschen für Menschen« Ende August 2015. Hier haben drei Blogger eine Spendenaktion für Flüchtlingshilfe gestartet, und innerhalb von nur 14 Tagen sind unglaubliche 100 000 Euro zusammengekommen.

Wie können digitale Projekte ins ›analoge‹ Leben übertragen werden, und in welchen Bereichen macht dies Sinn?

Im sozialen Bereich macht dies total Sinn, und wir erleben hier auch ständig, wie digital und analog miteinander verschmelzen. Die meisten Projekte, die auf betterplace.org online Spenden sammeln, setzen diese ja dann offline und analog ein, sei es für einen Brunnenbau in Ruanda, für einen Mittagstisch für Bedürftige oder für die Begrünung eines Schulhofs. Auch wir selbst sind täglich online für das Gute tätig, aber haben auch ein- bis zweimal im Jahr den Frohen Freitag, an dem wir ganz analog bei einem Projekt in Berlin mit anpacken. So haben wir schon den Garten für eine Kindereinrichtung verschönert oder die Räume in einer Flüchtlingseinrichtung gestrichen.

Verstärken die sozialen Medien Hass oder Mitgefühl? Oder macht das Netz Hass oder Mitgefühl nur deutlicher spürbar?

Das sehe ich gemischt, zum einen werden Hass und Mitgefühl durch das Netz natürlich deutlich spürbarer, weil man sich nicht nur mit fünf Freunden abends in der Kneipe austauscht, sondern öffentlich im Netz. Dadurch haben die Aussagen direkt mehr Reichweite, und die Chance, auf Gleichgesinnte zu treffen, erhöht sich.

Ein Segen ist das Netz zum Beispiel bei größeren Katastrophen wie dem Erdbeben in Nepal 2015. Die Nachrichten haben sich hier in Sekundenschnelle verbreitet und eine Welle des Mitgefühls und der Unterstützung ausgelöst. Aber natürlich gibt es auch gegenteilige Wirkungen. Einige Menschen treffen im Netz viel schneller Aussagen, die sie in der Offline-Welt in dieser Art vermutlich nicht so leicht äußern würden. Im Netz hat man eben kein direktes Gegenüber, dem man in die Augen schauen kann, da gehen Hemmschwellen schon mal verloren, und ein Troll macht sich das Internet da zur Spielwiese. Es gibt aber auch Webseiten wie hatr.org, sie treten Hatern gegenüber, decken Lügengeschichten auf und zeigen auf, dass niemand gegen Hass im Netz machtlos ist.

Wie schätzt du die Macht der Algorithmen bei unserer Kommunikation ein?

Das ist ein sehr komplexes Thema. Ich denke, am stärksten werden wir in Google, Amazon und Facebook von den Algorithmen beeinflusst. Hier hinterlassen wir deutliche Spuren, mit denen wir die Algorithmus-Datenbanken kräftig füttern: in Google über unseren Aufenthaltsort, in Facebook darüber, mit wem wir befreundet sind und mit wem wir am meisten interagieren, und auf Amazon darüber, welche Kaufentscheidungen wir zuvor getroffen haben oder für welche Produkte wir uns interessiert haben.

Nehmen wir mal das Beispiel Facebook: Hier entscheide ich zwar selbst, welche Seiten ich like und mit wem ich befreundet sein will, aber welche Postings dann in meinem Newsfeed erscheinen, das entscheidet der Algorithmus. Im Grunde weiß doch kaum einer, nach welchen Standards die Algorithmen eigentlich arbeiten.

Ich achte immer mehr darauf, mich selbstbestimmt und nicht fremdgesteuert durch das Internet zu bewegen. So recherchiere ich Nachrichten häufig aus mehreren Quellen, um mir eine Meinung bilden zu können. Und ich habe den Google Adblocker installiert, das ist ein kostenloser Werbeblocker, der alle nervenden Werbeanzeigen, Malware- und Tracking-Angriffe blockiert.

Gibt es Momente, in denen du wegen des rauen Tons, der im Netz manchmal herrscht, ungern vernetzt bist?

Nein, eher weniger. Beruflich betreue ich den Facebook-, Twitter- und Instagram-Kanal von betterplace.org sowie von GivingTuesday. Wir haben auf dem Twitter-Kanal von betterplace.org über 85 000 Follower – klar, da kann mal jemand dabei sein, der sich im Ton vergreift, aber das ist glücklicherweise eher selten. Wir haben allerdings auch ein dankbares Thema – gegen Gutestun etwas zu sagen, fällt dann doch dem größten Nörgler eher schwer.

Siehst du Felder, auf denen uns das Netz empathischer macht? Gibt es Strategien, welche die Empathie im Netz fördern könnten?

Ich finde, seit Sommer 2015 wurde im Verlauf der Flüchtlingskrise ganz deutlich, dass die Empathie davon abhängt, wie stark wir persönlich von dem Ereignis betroffen sind, und ob es sich in unserer direkten Nähe abspielt. Als massenhaft Flüchtlinge an den deutschen Bahnhöfen ankamen, gab es eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft. Auf betterplace.org haben wir das nicht nur anhand des steigenden Spendenvolumens sehen können. Auch auf Facebook und Twitter wurden Postings rund um das Thema Willkommenskultur und Flüchtlingshilfe nahezu »gefeiert«. Und ein paar Monate später? Gleiche Situation, anderer Ort. Die Flüchtlinge kommen größtenteils in Griechenland und Italien an, und das deutsche Netz verstummt nahezu. Social-Media-Beiträge von Flüchtlingshilfen rauschen an den Menschen vorbei und rufen kaum noch Reaktionen hervor.

Ich denke, man könnte mehr Empathie im Netz fördern: durch konkrete Fragestellungen in Berichterstattungen oder in Social-Media-Beiträgen – ganz ähnlich, wie man es in der Streitschlichtung oder in der Kindererziehung macht. Durch Fragen wie »Wie würdest du dich fühlen wenn, …?« kann sich der Leser besser in die Situation hineinversetzen.

Info: Dieses Interview ist Teil einer Reihe von insgesamt 15 Interviews und wurde im Rahmen eines Buchprojektes geführt.