Interview mit Ulrike Langer

VITA:

Ulrike Langer (*1962) ist freie Auslandskorrespondentin in Seattle und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit digitalen Innovationen in Journalismus und Medien. Sie betreibt das Blog medialdigital und gehört zu den Herausgebern des Debattenportals Vocer. Ulrike Langer publiziert vor allem in Fachmedien (u.a. Mediummagazin, Horizont), ist Rednerin und Diskutantin auf Kongressen und Seminaren und berät Medien, Journalisten und Organisationen zu digitalen Innovationsthemen.

Meine persönlichen Daten werden gesammelt, auch wenn ich mich nicht aktiv durch das Netz klicke. Muss mir das Angst machen?

Man kann einiges dafür tun, um sich anonymer im Netz zu bewegen. Dazu gehört zum Beispiel, regelmäßig seine Cookies zu löschen, wenn es einem nicht geheuer ist, dass Werbung z.B. von Webshops eingeblendet wird, in denen man neulich war. Man verzichtet dabei allerdings auch auf ein Stück Bequemlichkeit, weil dann z.B. Eingabeformulare keine Vorschläge mehr machen, die man nur noch anzuklicken braucht. Noch ein Stück mehr Anonymität verschaffen Proxyserver, welche die eigene IP-Adresse maskieren. Generell wird aber in klassischen Medien zu viel Angst vor kommerzieller Datensammelei geschürt. Kommerzielle Anbieter wie Google oder Facebook haben kein Interesse an der Identität einzelner Nutzer. Sie wollen möglichst passgenau Werbung ausliefern – an wen im Einzelnen, ist dabei egal. Hingegeben wird über die Datensammelei von staatlicher Seite – zum Beispiel die Vorratsdatenspeicherung – in den Medien eher zu wenig aufgeklärt.

„Das Netz vergisst nichts.“ Ist es diese Aussage, die uns beim Eintritt in die virtuelle Welt Unbehagen verursacht?

Tut sie das? Mir würde es viel größeres Unbehagen bereiten – eigentlich wäre Panik der passendere Ausdruck! – wenn das Netz plötzlich vergessen würde, wo ich welche Daten gespeichert habe. Ich reise sehr viel und bin in letzter Zeit häufig umgezogen, und habe mich ich Zuge dessen von einer Menge materiellem Besitz getrennt. Fast mein gesamtes berufliches Archiv, viele weitere Dokumente, meine Foto- und meine Musiksammlung befinden sich in der „Cloud“. Für vieles gibt es gibt natürlich Backups auf Offline-Datenspeichern. Zu wissen, dass ich jederzeit meinen Laptop und eine Rollkoffer packen und losreisen kann, ohne mich zu sorgen, ob ich alles Wichtige vorher auf USB-Sticks gezogen habe, ist eine ungeheure Bequemlichkeit, die ich nicht mehr missen möchte. Die Frage impliziert wohl auch, dass manche Menschen im Nachhinein manches lieber nicht ins Netz geschrieben hätten. Dagegen hilft: vor dem Abschicken nochmal nachdenken. Doch ein Recht auf Vergessen im Internet könnte es nur bei massiven Eingriffen in den Bestandsschutz des digitalen Kollektivs geben, es würde das Internet löchrig wie einen Schweizer Käse machen – ähnlich hässlich und unbrauchbar wie manche durch Verpixelung verunstalteten Straßenzüge beim deutschen Google Street View.

Häufig wird von „der Netzgemeinde“ gesprochen. Gibt es eine solche Netzgemeinde noch?

Der Begriff Netzgemeinde ist ähnlich sinnfrei wie eine „analoge“ Gemeinde oder die Gemeinde der Stromanschlussbesitzer. Das Internet ist allgegenwärtige Infrastruktur und viele seiner Nutzer haben außer einem Internetanschluss überhaupt nichts gemeinsam. Eine Netzgemeinde gab es höchstens in den allerersten Pionierjahren, als es noch keine AOL Disketten als Beilagen in Zeitschriften gab. Der Begriff Netzgemeinde ist außerdem inzwischen negativ besetzt. Häufig wird er von Massenmedien als Synonym für einen irgendwie bedrohlichen anonymen Pöbel benutzt. Es zeugt von Denkfaulheit, wenn Journalisten sich nicht die Mühe machen, eine Interessengruppierung oder Aktivisten für eine bestimmte Sache näher zu definieren als über den Umstand, dass sie das Netz benutzen.

Wenn wir einen Medienminister hätten, auf welcher Seite müsste er stehen: Auf der Seite derer, die die Freiheit im Netz für sich reklamieren, oder auf der Seite derer, die einen verbesserten Persönlichkeitsschutz fordern?

Das klingt nach zwei unvereinbaren Extremen, aber tatsächlich schließen sich beide Forderungen nicht aus. Das Internet ist keineswegs jener rechtsfreie Raum, der so oft herbeigeredet wird. Beleidigungen, Angriffe auf die Menschenwürde, Identitätsdiebstahl, Urheberrechtsverletzungen – das ist alles online ebenso strafbar wie offline. Eine andere Frage ist, ob eine Strafverfolgung im Einzelfall möglich ist. Diese Hürde ist allerdings nicht auf das Netz beschränkt, sonst wäre es nicht so schwierig, rechtswidriges Telefonmarketing (Kaltakquise) wirksam einzudämmen. Die Freiheit im Netz wiederum ist unbedingt erhaltenswert, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, ein ähnlich zensiertes Netz wie in Diktaturen zu bekommen. Zur Freiheit im Netz gehört für mich auch das Thema Netzneutralität. Wir dürfen es nicht zulassen, dass künftig kommerzielle Interessen bestimmen, dass und welche Datenflüsse Vorrang vor anderen haben sollen.

Zur Urheberrechtsdebatte im Netz: Könnten Sie sich Vergütungsmodelle vorstellen, mit denen sowohl Autoren und Künstler als auch Mediennutzer gut leben können? Oder muss man die Regeln der realen Welt einfach auf die virtuelle Welt 1:1 übertragen?

Ein erster Schritt wäre ein Verbot von Total-Buyout-Klauseln, die mittlerweile viele Zeitungs- und Zeitschriftenverlage den Urhebern (freien Journalisten) zwangsweise auferlegen. Die nutzen niemandem, außer den Verlagen. Ein zweiter Schritt wäre die Verhinderung des Leistungsschutzrechts für Presseverleger, das ebenfalls den Partikularinteressen einer Lobby zu Lasten aller anderen Gruppen dient. Danach können wir ein größeres Fass aufmachen, das wäre die Reform des Urheberrechts, das momentan ebenfalls vor allem die Verwerter von Urheberrechten begünstigt. Ich glaube, die Urheber sollten mehr Autonomie haben und mehr Verantwortung tragen bei der Entscheidung, wem sie welche Inhalte zu welchen Bedingungen zur Verfügung stellen wollen. Creative Commons Lizenzen ermöglichen diese Freiheit. Leider werden sie in der klassischen Kultur- und Medienwelt eher selten genutzt. Was beim Urheberrecht – anders als beim Persönlichkeitsschutzrecht! – nicht funktioniert, ist eine Übertragung von analog zu digital. Das führt nur zu Begriffsverwirrungen und Kampfbegriffen wie „Raubkopie“ oder „geistiges Eigentum“. Ob ich ein Buch aus der Bibliothek stehle und es deshalb kein anderer mehr ausleihen kann, ist nicht das Gleiche, wie wenn ich eine digitale Kopie davon ziehe und das Buch auf diese Weise vervielfältige.

Wird sich Crowdfunding Ihrer Meinung nach für Filme oder Bücher dauerhaft etablieren können?

Als zusätzliche Erlösquelle für Kulturschaffende wahrscheinlich, als einzige wohl kaum. Dabei kommt es nicht nur auf das Projekt an, sondern vor allem auch auf denjenigen, der Geld einsammeln will. Wer auf Crowdfunding setzt, muss seine Nutzergemeinde selbst mitbringen und sehr gut vernetzt sein. Wer bereits einen Namen hat oder auch, wer es schafft, mit Kostproben seines Könnens genügend Aufmerksamkeit zu erzielen, dem erleichtern Plattform wie Kickstarter oder Startnext die technische Abwicklung des Vorgangs Crowdfunding. Wer als unbekannte Größe im Netz diese Voraussetzungen nicht erfüllt, wird mit Crowdfunding zwangsläufig scheitern.

Früher war es doch so: Man hat ein Buch geschrieben und anschließend einen Verlag gesucht. Besteht der Vorteil von Self-Publishing darin, dass der Autor eine engere Bindung zum Leser aufbauen kann?

Ja, und zwar nicht erst nach dem Schreiben, sondern auch schon bei der Themenfindung und während des Schreibens. Das heißt nicht, dass die Nutzer am Buch mitschreiben, aber ob überhaupt ein Interesse für ein bestimmtes Thema besteht, und ob sich das Buch in eine relevante Richtung entwickelt, lässt sich so ohne Marketingaufwand herausfinden. Das ideale selbst publizierte Buch ist im Grunde eines, das auf einer Serie von Blogbeiträgen aufbaut, unter denen in den Kommentaren immer wieder die Bitte aufkam, dieses Thema doch auch einmal in einem Buch zu vertiefen.

Was können Autoren ihrer Meinung nach überhaupt vom Self-Publishing erwarten?

Zumindest eine interessante Erfahrung, hoffentlich viel Feedback und bei entsprechendem Durchhaltevermögen am Ende auch ein Manuskript, dass man als Alternative natürlich auch Verlagen vorlegen kann, wenn sich das Self-Publishing doch als schwierig erweist. Im Idealfall verkauft man auf diese Weise viele Ausgaben eines Buchs oder eines längeren Essays. Das ist bisher allerdings nur wenigen Autoren gelungen.

Was halten Sie von Blogeinnahmequellen wie flattr oder kachingle?

Nach anfänglichem hohen Interesse inzwischen nicht mehr viel. Diejenigen, die sich aus Idealismus oder Eigeninteresse bei diesen Plattformen angemeldet haben, entstammten doch überwiegend der Urhebersphäre, so dass man sich die Gelder eigentlich nur im Kreis herumschoben hat. Inzwischen sind die Einnahmen der meisten Urheber längst wieder gesunken. Es ist offenbar schwierig, Nutzern jenseits der Kreativszene zu vermitteln, dass es sich lohnen kann, für einen guten Inhalt, den man auch kostenlos nutzen kann, freiwillig zu bezahlen – damit es ihn auch morgen noch gibt. Crowdfunding sehe ich als größere Chance, denn hier geht es nicht um Spenden, sondern um Vorfinanzierung mit entsprechender Gegenleistung.

Wie können Kreative Ihrer Meinung nach zu „Unternehmern“ werden?

Indem sie wie Unternehmer denken und handeln. Indem sie in ihre Bekanntheit und sich selbst als Marke investieren. Wer für bestimmte journalistische Themen und Fachgebiete als Experte gilt oder als Musiker für einen ganz bestimmten Sound und ein unverwechselbares Konzerterlebnis steht, der hat es leichter, einen direkten Draht zum Publikum aufzubauen und seine Werke direkt zu verkaufen. Außerdem hilft unternehmerisches Denken auch beim Umgang mit klassischen Verwertern. Wer sich unverwechselbar macht und seinen Markenwert kennt, hat es leichter, höhere Honorare auszuhandeln.

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